Der Tod vor dem Tod

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Der Tod vor dem Tod

Wer redet von denen, die ihren Tod vor dem Tod sterben? Mit siebzehn, achtzehn versprechen sie alle, etwas Außerordentliches zu werden; man möchte einen Eid darauf schwören, daß Besseres nachwächst. Da nimmt man Versprechen entgegen, als ob sie schon erfüllt wären. Mit achtzehn behaupten sie alle, sie würden bloß ihren Weg gehn, einen Weg, der niemand anderem gehöre, einen Weg, den sie allein spurten. Da sprechen sie wie die Künstler: es gebe bloß den Weg, den man selber bahne und jeder andere sei wertlos.

Wenn man dann einen Augenblick wegschaut und wieder auf diese Jungen zurückkommt: wie fielen sie ab in die allergemeinste Routine. Wie sanken sie ein ins Geröll der Jahre, das auf sie einhieb wie Steinschlag. Es ist gefährlich, das zu beobachten, denn dann sieht man auf einmal in jedem Jungen nur noch den Lebensstümper von morgen, den langweiligen Beiwohner, den kleinlichen Vorgesetzten, alles saure Spinner, Pflichterfüller, Verdiener, Idealisten, die irgendwelchen Doktrinen anhängen, weil sie sie auswendig lernten und nun ihr Leben lang aufsagen. Ohne nachzuprüfen, ob ihr Glaube, sterblich wie alles auf Erden, nicht lang schon dahinstarb, so daß sie Gestorbenes im Mund wälzen und man sich vor dem Dunst ekelt? Sie haben den Mut nicht, sich zu gestehen, daß sie Lebensjahre vergeblich anlegten. So ziehen sie vor, den Rest ihres Lebens auf Hohlem zu leben, in Gesellschaft von anderen, die auch lügen.

So verkümmern die meisten, die einen im Elend, die anderen im Wohlstand. Anfänglich versichern sie alle: Ich niemals. Alle anderen, bloß ich nicht, und sind voll Verachtung für die Väter. Aber dann: etwas anderes ist zu mächtig gewesen. Was war es? Was ist es? Der Tod, der Tod in einer Verkleidung, die man nicht genügend erkannt hat. Es ist kein geringer Teil seiner Stärke, daß man ihn in solcher Verkleidung nicht Tod nennt.

Erhart Kästner

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