Der Gestank der Reinheit & der Duft des Lebens

Der Gestank der Reinheit & der Duft des Lebens

Die jungen Frauen, die in das Sexualleben eintreten, sei es in der Ehe, sei es in einer außerehelichen Verbindung, machen sich völlig falsche Vorstellungen davon, was der Mann von Ihnen erwarten könnte.

Es gibt viele junge Mädchen, die eine Ehe mit dem Gedanken verbinden, Fruchtbarkeit sei das beste Mittel, einem Mann zu gefallen und ihn an sich zu binden. Im allgemeinen aber ist ein Mann, der heiratet, an die Frau um ihrer selbst willen gebunden, und er denkt nur ganz nebenbei an künftige Kinder. Das Kind ist also kein wirklicher Faktor der Einigkeit eines Paares, zumal festgestellt ist, daß Ehen mit Kindern – obwohl sie mehr Anlaß hätten, zusammenzuhalten – häufiger geschieden werden als kinderlose. Im allgemeinen haben junge Menschen, welche die Liebe mit einem geliebten Partner suchen, nur sehr undeutliche Gedanken an Fortpflanzung. Frauen sind meistens zurückhaltender, und zwar infolge der physiologischen Risiken des Geburtsaktes, während Männer an die wirtschaftlichen Belastungen denken und auch Mitgefühl für die Schwierigkeiten empfinden, welche die Frau durchzustehen hat. Um es zusammenzufassen: Im gleichen Maße, als zahlreiche Nachkommenschaft, anders als im Altertum, keine Quelle von Macht und Reichtum mehr ist, sondern, wie in den modernen Städten, Ursache vieler Mühe und Opfer, besitzt die weibliche Fruchtbarkeit keine Anziehungskraft mehr für Männer. Sie hat nicht einmal viel mit der Liebe gemein.

Die meisten jungen Frauen meinen, was die Männer am meisten verführe, sei körperliche Schönheit. Sie verbringen viel Zeit, um alle Teile ihres Körpers nach Maßen und Qualitäten zu prüfen und zu versuchen, eine hohe Gesamtqualität zusammenzurechnen. Tatsächlich hören sie ja auch oft genug Männer über Frauenschönheit sprechen; aber auch hier steckt ein schweres Mißverständnis.

Im allgemeinen sind Männer geschmeichelt und daher glücklich, eine Frau zu besitzen, die als schön gilt. Es ist ein Mittel zur Selbstaufwertung, eine Frau erobert zu haben, die kostbar erscheint. Das kann so wichtig sein, daß Männer das Bedürfnis haben, eine Frau schön zu finden, auch wenn sie es gar nicht ist. Aber auch wenn bestimmte Mängel tatsächlich die Liebe auslöschen können, so ist es dennoch niemals einfach Schönheit, was Männer für eine Frau entflammt. Sie sind sehr glücklich, mit einer Schönheitskönigin spazieren gehen zu können, aber sie verlieben sich nicht außerordentlich in sie. Die Erfahrung lehrt, daß es nicht die im ästhetischen Sinn schönsten Frauen sind, denen am meisten der Hof gemacht wird. Die Anziehungskraft der Frau hängt vielmehr von einem bestimmten Charme ab, den man nie genau erklären konnte, weil man stets nach einem materiellen, objektiven Maßstab suchte. In Wirklichkeit geht es ausschließlich um eine Empfindung, das Ergebnis einer Unmittelbarkeit und inneren Freiheit der Frau und um den ausgesprochenen “Duft des Lebens”. In Wahrheit ziehen jene Frauen die Männer am meisten an, die sich am lebhaftesten nach Liebesbefriedigung sehnen.

Ebenso täuschen sie sich, wenn sie glauben, ihre Reinheit könne das Herz eines Mannes entflammen. Zweifellos ziehen es Männer im allgemeinen vor, eine jungfräuliche Frau zu heiraten, jedoch aus Gründen, die mit Liebe als solcher nichts zu tun haben. Sie tun es vor allem, weil eine Jungfrau, wie eine Schönheit oder eine Reiche, gesellschaftlich höher eingeschätzt wird und den Wert des eigenen Sieges steigert. Weiter ziehen sie die Jungfrauen vor, weil ein krankhafter, aber weit verbreiteter Zweifel am eigenen sexuellen Wert sie fürchten läßt, der Vergleich einer erfahrenen Frau, die den Ehemann an anderen Männern messen kann, könnte zuungunsten des Ehemannes ausfallen. Schließlich findet man die Überbewertung der Jungfräulichkeit bei solchen Männern, die psychisch-sexuell noch nicht voll ausgereift und an das kindliche Ideal der Mutter fixiert sind, die vom Vater nicht “befleckt” werden darf. Eine solche Bindung ist aber mit Sicherheit neurotisch. Vor allem verfügen Männer, die besonders an weiblicher Jungfräulichkeit interessiert sind – samt ihren Minderwertigkeitskomplexen und ihren Neurosen – zugleich über die geringste Liebeserfahrung. Und sie sind natürlich auch am leichtesten zu täuschen, sofern eine Frau, die bereits defloriert ist, es darauf anlegt, sie irrezuführen.

Man predigt, weil es üblich ist, daß die nicht mehr “reinen” jungen Mädchen ihre Anziehungskraft verloren hätten, aber die Statistiken weisen nach, daß die reinen Mädchen nicht häufiger geheiratet werden als die anderen. Man kann sogar feststellen, daß Frauen, die den Ruf großer Liebhaberinnen haben, in dieser Hinsicht bessere Chancen haben als die reinen jungen Mädchen. Hier geht es um eine Prestigefrage in einem anderen Bereich, unter solchen Männern, die nicht unter Minderwertigkeitskomplexen leiden und daher Vergleiche nicht fürchten. Wenn eine junge Witwe leichter einen “Abnehmer” findet als eine Jungfrau gleichen Alters – was allgemeine Erfahrung ist -, so infolge der Umkehrung der berühmten Reinheit, nämlich wegen ihrer Erfahrung!

René Allendy

Viewed 513 times by 197 viewers

PDF Drucker    Sende Artikel als PDF   
This entry was posted in Mann & Frau. Bookmark the permalink.