Die bürgerliche Ehe: Eine Institution gegen die Natur
Nach einer Spanne der Latenz, die verschieden lang sein kann, begreift der eine oder der andere der Eheleute, daß er sein Leben verfehlt hat, indem er die Liebe verfehlt hat; und während er sich jung genug fühlt, um erneut zu lieben, und zugleich genügend Erfahrung zu besitzen glaubt, um zu wissen, was vermieden werden muß, sieht er sich in der Sackgasse der Ehe, des unauflöslichen Sakraments, gefangen, und vor ihm liegt das Verbrechen des Ehebruchs.
Die Ehe ist untrennbar nicht nur für jene, die an das religiöse Sakrament gebunden sind und die keinen moralischen oder materiellen Grund haben, in Rom eine Nichtigkeitserklärung zu erreichen; sie ist es auch in der alltäglichen Praxis, und zwar, obwohl es die Scheidung gibt, infolge der unzähligen Schwierigkeiten, die ein Paar daran hindern, sich zu trennen, auch wenn man es wünscht, auch wenn es keine Sakramente gäbe und keine “wohlmeinenden Beziehungen”, die man verlieren würde. Die Schwierigkeiten bilden die Kinder, der Mangel an Geld und – insbesondere für die Frau – die Unmöglichkeit, ihren Unterhalt zu bestreiten. Die Lage der Frau ist in solchen Fällen viel tragischer, denn ihre Mutterschaften sind ein ernsthaftes Hindernis für neue Lieben. Außerdem ist das sexuelle Leben der Frau viel kürzer als das des Mannes; sie ist für die Liebe bereits verblüht, wenn der Mann noch im Vollbesitz aller seiner Möglichkeiten ist. Es bleibt ihr in solchen Fällen nur ein Trost und eine Hoffnung: Witwe zu werden! So kommt es, daß eine große Zahl von Frauen, sonst “gute Ehefrauen und gute Mütter”, mit dem dunklen Gefühl im Herzen leben, daß nur ein Wunder sie noch retten kann, nämlich das Verschwinden ihres Ehemannes.
Wenn man objektiv und ohne Partei zu ergreifen die Zahl der enttäuschten, unbefriedigten und unglücklichen Ehen bedenkt – denn der Prozentsatz der Geschiedenen macht nur einen Bruchteil aus -, dann muß man sich wirklich fragen, ob die sogenannte “bürgerliche” Ehe, wie sie heute üblich ist, mit ihren Vorschriften und Einschränkungen, von der Gesellschaft gegen die Unmittelbarkeit der Triebe aufgerichtet, nicht ganz einfach zu einer Institution gegen die Natur geworden ist. Auch wenn viele Männer sich anzupassen vermögen, um eine Scheidung zu vermeiden – die Zahl der enttäuschten Frauen erreicht fast hundert Prozent.
René Allendy
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