Die Biophagen

Die Biophagen

Die Nager und Schmarotzer an unserem Leben sind zunächst die Gleichgültigen, denen wir aus „Geschäftsgründen“ Splitter unserer Zeit opfern müssen – das zahllose Volk der Nichtstuer, die vergessen, daß jede zweite Angelegenheit brieflich oder telefonisch erledigt werden kann; aber nein, sie müssen um jeden Preis mit uns zusammenkommen; sie müssen uns um jeden Preis vierzig Minuten stehlen, während es am Telefon nur fünf gebraucht hätte. Vor dieser Sorte kann man sich indessen noch ziemlich leicht schützen; man kann es sogar mit einer gewissen Grobheit tun. Viel weniger leicht fällt es einem Leuten gegenüber, deren einziger Fehler ihre übertriebene Liebenswürdigkeit ist. Ich habe früher einmal von „Tragödien der Höflichkeit“ gesprochen. Dabei ging es um die Abnutzung der Nerven, der wir uns aussetzen, wenn wir höflich sind, das heißt uns Zwang antun. Aber es gibt noch eine andere Tragödie der Höflichkeit, und zwar betrifft sie die Zeit, die wir mit Höflichkeit vertun.

Wie soll man einem „lieben“ Menschen begreiflich machen, daß wir für die vier Stunden, die uns das Abendessen bei ihm und die Zeit danach kosten würden, eine bessere Verwendung haben? Wie sollen wir ihm begreiflich machen, daß, wenn wir diese vier Stunden mit den vier Stunden multiplizieren, die wir Peter, Paul und Jacqueline – lauter ebenso lieben Menschen – schuldig zu sein glauben, Tage und Wochen vergehen würden, die für unsere Bildung, unser Innenleben, unser Privatleben verloren sind, die für unser Werk verloren sind? Wie soll man ihm begreiflich machen, daß es uns gegenüber von echtem Wohlwollen zeugt, wenn er uns nicht einlädt?

Ein Mensch, der es darauf anlegt, in seinem Dasein die Zahl der verlorenen Stunden zu vermindern, läuft Gefahr, daß man ihn binnen kurzem der Menschenscheu bezichtigt. Es läßt sich nicht mit ihm leben, weil er leben will. Man müßte die Leute davon überzeugen, daß ein geistig Schaffender ihnen keinerlei Kränkung zufügt, wenn er den Aal spielt, um ihnen durch die Finger zu schlüpfen. Man müßte ihnen beibringen, daß geistige Ruhe, geistige Freiheit, lange Stunden der Ungestörtheit, und zwar völliger Ungestörtheit, notwendig sind, um etwas hervorzubringen, was durchdacht und geplant ist; man müßte ihnen klarmachen, daß ein einziger Tag, der ausschließlich der Arbeit gewidmet ist, vier oder fünf Tage aufwiegt, die von den Biophagen – seien es an jedem Tag auch nur zwei oder drei Stunden – angeknabbert sind. Man müßte ihnen zeigen, daß eine gewisse „Misanthropie“ für einen denkenden Menschen lebensnotwendig ist, sofern er den Kern seines Wesens bewahren will, und schließlich, daß derjenige, der einen denkenden Menschen ohne Not stört, geschähe es auch in der wohlwollendsten Absicht, ihm etwas „nimmt“. Das ist genau so, ja noch schlimmer, als wenn er ihm die Brieftasche aus dem Rock nähme.

Der Durchschnittsmensch ergeht sich gern in Phrasen über die Kürze des Lebens. Aber er hört nicht mehr zu, wenn man zu ihm sagt, daß das Leben eine Frage von Stunden sei und daß es uns deshalb unendlich leid tue, nicht auf ein Glas Portwein zu ihm kommen zu können. „Eine Stunde – was ist schon eine Stunde?“ sagt er zu uns. Nun ja, eine Stunde ist eine Stunde, und mit einer verlorenen Stunde hier und einer verlorenen Stunde dort entzieht man seiner Bestimmung die Kraft und bringt die Frucht nicht zum Reifen.

Kurz nach der Niederschrift dieser Zeilen finde ich bei Seneca denselben Gedanken, vortrefflich ausgedrückt: „Kein Mensch duldet, daß man sich seiner Eigentümer bemächtigt, und wegen der geringfügigsten Grenzstreitigkeiten greift man zu Steinen oder zu den Waffen. Und doch läßt es die Mehrzahl der Menschen zu, daß man in ihr Leben einbricht. Man findet keinen Menschen, der sein Geld unter die Leute verteilt; aber jeder vergeudet sein Leben an den ersten Besten.“

Henry de Montherlant

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