Die eigene Arbeit und die tote Beschäftigung

Die eigene Arbeit und die tote Beschäftigung

Worin besteht denn eines Menschen Wert, in dieser Welt, wo alles schwankt?

Wie würde man es aber verstehen, wenn ich sagte, „des Menschen Wert liegt im Arbeiten“ – heute, wo man zehn Stunden sich im Kreise drehen oder den Fußboden so lange reiben, bis er weg ist, als Arbeiten auffaßt?

Man darf nicht enden, darauf aufmerksam zu machen, daß die meisten Menschen sich vor dem Arbeiten flüchten nicht in die Faulheit, sondern in eine total tote Beschäftigung; nicht in die Bewegungslosigkeit… die wahre heutige Faulheit besteht in einer toten Bewegung.

Man kann nicht weder im Positiven noch im Negativen, sondern neutral, latent, wartend leben, – „einfach leben“; so wenig, wie man Worte, die weder eigene noch fremde sind, gebrauchen kann; sondern wo du nicht positiv – nicht eigenes Leben – lebst, lebst du schon negativ, schon das Leben anderer; genau wie ein von mir verwendetes Wort, das nicht mein Wort ist, schon Plagiat ist. („Mein Wort“: das heißt voll verantwortet von mir.)

„O Herr, gib jedem seinen eignen Tod!“ hat Rilke ausgerufen.

„Gib jedem seine eigene Arbeit“ möchte ich lieber gehört haben. (Und „eigene Arbeit“ ist eine sich hier anschmiegende Redeweise; denn was ich Arbeit nenne, ist eben immer die eigene.) „Gib“? Nun ist die Frage, wer das geben soll. Was brauchen wir denn noch einen, der es gibt, da die Menschen, wenn sie sich’s nehmen, es schon haben? (Abgesehen davon, daß die Herren den Menschen nicht ihre eigene Arbeit zu geben pflegen, sondern etwas Entgegengesetztes.)

Der eigene Tod… – das ist wohl wunderbar, ist vielleicht das Höchste. Es fragt sich aber, wie dazu gelangen? Der eigne Tod -, ja, er ist die Krönung: was nützt es aber, einem zu rufen „laß dich krönen!“, wirst du ihm nicht eher die Wege zeigen sollen, die zur Krönung führen?

Auf die eigene Arbeit folgt notwendigerweise der eigene Tod.

Methode:

Sich hineinlegen in die Dinge: das Schwimmen sei uns ein Bild davon! Zu handeln ohne Ruck und Stoß. Wütendes Umsichschlagen, besonders am Lande, nützt nichts. Besser ist gleich beginnen und wenn es auch sachte wäre; das Element trägt und das ist die Hauptsache.

Es ist nicht Kraft, was den guten Schwimmer macht, sondern das Vertrauen in das Element, das schon körperlich gewordene Vertrauen.

(Der sich am vertrauenvollsten hineinlegen kann in das Element, ist der beste Schwimmer. Mit geringer Kraft schießen die Fische wie Pfeile.)

Die Tätigkeiten müssen sich jagen, müssen dicht ineinandergreifen.

Mein Bekannter X. hat einmal behauptet, man müsse eine neue Frau haben, bevor die Beziehung mit der alten aufgehört habe. Jedenfalls muß es mit der Produktion so sein.

Schon darum darf man nicht aufhören zu arbeiten:

Die äußeren Umstände, die günstigen, ungünstigen, hemmenden, beflügelnden, wechseln unaufhörlich miteinander ab und zwar ganz unberechenbarerweise. Es kann auf eine lange Epoche schwerster Hinderung fast plötzlich eine der höchsten Förderung einsetzen: derjenige nun, der sich während der latenten Epoche nicht in dauernder Übung gehalten hat – selbst wenn nur das bescheidenste, selbst wenn gar kein sichtbares Resultat erreicht werden konnte! -, braucht eine Zeit, sich in die geänderten Bedingungen zu finden (gleichsam verrostet), seinen Zustand in Tätigkeitszustand zu wandeln; und inzwischen sind vielleicht die günstigen Umstände schon wieder vorbei (pflegen nicht die glänzendsten Konjunkturen die geringste Dauer zu haben?), in jedem Fall ist der Verlust ein erschreckender.

In einem Augenblick sauste der Hase vorüber und die faulen Jäger riefen nach ihren Gewehren. – Eines Tages wurde die Ankunft des Fischzuges gemeldet. Die Fischer aber, die sich der Schlemmerei ergeben hatten, mußten erst ihre Netze flicken, ihre Geräte suchen, ihre leck gewordenen Schiffe pflegen.

Ob man arbeitet oder nicht, weiß man selber ganz genau.

Und da erfand er seinen neuen Rausch, den des Arbeitens.

Wer wirklich arbeitet, kann nicht mehr aufhören zu arbeiten.

Es kommt darauf an, das Richtige zu tun; Arbeiten ist die Realisierung des Erkennens. Aus Erkennen genährt, nährt es das Erkennen. Das Erkennen nährt sich nicht selber.

Arbeiten ist nichts anderes als aus dem Sterblichen übersetzen in das, was weitergeht.

Es gibt nur ein Unglück: daß einer nichts zu tun hat oder gezwungen wird, etwas Falsches zu tun. Falsch ist jede Tätigkeit, die die Fähigkeiten des Ausübenden nicht steigert.

Was das Höchste ist? Ich muß mich keinen Moment besinnen. Die richtige Arbeit.

Ludwig Hohl

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