Die eiserne Regel

Die eiserne Regel

Eines der Probleme, die sich am Ende des Lebens stellen, ist das Problem der Wahl. Eine ständige Wahl. Ständig heißt es wählen, was man am meisten liebt und schätzt, um dies und nur dies zu tun in der kurzen Zeit, die einem noch bleibt: man müßte verrückt sein, wollte man sie für etwas anderes verwenden. Ich habe nur noch ein paar Jahre zu leben; und diese Zeit, so kostbar wie die Perle, sollte ich von Gleichgültigen verzetteln lassen, mit den kleinen Geschichtchen ihrer Eitelkeit, ihrer Flatterhaftigkeit, ihrer Untätigkeit? Ich muß mich noch mit den großen Menschen der Vergangenheit unterhalten, muß zu den großen Büchern, die ich noch nicht gelesen oder gelesen und wieder vergessen habe, greifen, ich muß noch den Menschen, die ich begehre und die ich liebe, Gutes antun. „Aber ach, eine Stunde! Was ist schon eine Stunde! Na, dann nur ein halbes Stündchen!“ Nein, auch nicht nur ein halbes Stündchen.

Alle Leute klagen über ihr verzetteltes Leben: das ist ein Gemeinplatz. Und doch wird der bloße Begriff der eisernen Regel so wenig empfunden, daß alle diese Leute den, der sie anwendet, als ein Monstrum ansehen: er erregt Entsetzen. Nur als Heiligen ließe man ihn gelten. Mensch genügt nicht.

Henry de Montherlant

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