Die Regel verstehen ist das erste, sie ausüben lernen ist das zweite

Die Regel verstehen ist das erste, sie ausüben lernen ist das zweite

Kein Charakter ist so, daß er sich selbst überlassen bleiben und sich ganz und gar gehenlassen dürfte, sondern jeder bedarf der Lenkung durch Begriffe und Maximen.

Nun kann man eine Regel für das Betragen gegen andere sehr wohl einsehen, ja sie selbst auffinden und treffend ausdrücken, und wird dennoch im wirklichen Leben gleich darauf gegen sie verstoßen. Jedoch soll man sich nicht dadurch entmutigen lassen und denken, es sei unmöglich, im Weltleben sein Benehmen nach abstrakten Regeln und Maximen zu leiten und daher am besten, sich eben nur gehen zu lassen. Sondern es ist damit wie mit allen theoretischen Vorschriften und Anweisungen für das Praktische: die Regel verstehen ist das erste, sie ausüben lernen ist das zweite. Jenes wird durch Vernunft auf einmal, dieses durch Übung allmählich gewonnen. Man zeigt dem Schüler die Griffe auf dem Instrument, die Paraden und Stöße mit dem Rapier: er fehlt sogleich, trotz dem besten Vorsatz, dagegen und meint nun, sie in der Schnelle des Notenlesens und der Hitze des Kampfes zu beachten, sei schier unmöglich. Dennoch lernt er es allmählich durch Übung, unter Straucheln, Fallen und Aufstehen. Ebenso geht es mit den Regeln der Grammatik im Lateinschreiben und -sprechen. Nicht anders also wird der Tölpel zum Hofmann, der Hitzkopf zum feinen Weltmann, der Offene verschlossen, der Edle ironisch.

Arthur Schopenhauer

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