Doktor Erich Kästners Lyrische Hausapotheke

Doktor Erich Kästners Lyrische Hausapotheke

Der Plan, unter meinen Gedichten, den schon und den noch nicht veröffentlichten, eine Auswahl zu treffen und in handlichem Format vorzulegen, ist beträchtlich älter als dieser Band, der jenen Plan verwirklicht.

Es war seit jeher mein Bestreben, seelisch verwendbare Strophen zu schreiben. Im Widerspruch mit dem eigenen Bedürfnis enthielt ich mich regelmäßig jeder Publikation, die nichts weiter gewesen wäre als die Bekanntgabe persönlicher Stimmungen und Einsichten. Und seit Jahren schwebte mir, wie bereits erwähnt, diese „Lyrische Hausapotheke“ vor. Ein der Therapie dienendes Taschenbuch. Ein Nachschlagewerk, das der Behandlung des durchschnittlichen Innenlebens gewidmet ist.

Wer Kopfweh hat, nimmt Pyramidon. Wer an Magendrücken leidet, schluckt doppeltkohlensaures Natron. Bei Halsschmerzen gurgelt er mit Wasserstoffsuperoxyd. Und in dem Schränkchen, das Hausapotheke heißt, halten sich, dem Menschen zu helfen, überdies Baldrian, Leukoplast, Choleratropfen, Borsalbe, Pfefferminztee, Mullbinden, Jodtinktur und Sublimatlösung in Alarmbereitschaft. Aber manchmal helfen keine Pillen.

Denn was soll einer einnehmen, den die trostlose Einsamkeit des möblierten Zimmers quält oder die naßkalten, nebelgrauen Herbstabende! Zu welchen Rezepten soll der greifen, den der Würgeengel der Eifersucht gepackt hat? Womit soll ein Lebensüberdrüssiger gurgeln? Was nützen dem, dessen Ehe zerbricht, lauwarme Umschläge? Was soll er mit einem Heizkissen anfangen?

Die Einsamkeit, die Enttäuschung und das übrige Herzeleid zu lindern, braucht es andere Medikamente. Einige davon heißen: Humor, Zorn, Gleichgültigkeit, Ironie, Kontemplation und Übertreibung. Es sind Antitoxine. Doch welcher Arzt verschriebe sie, und welcher Provisor könnte sie in Flaschen füllen?

Der vorliegende Band ist der Therapie des Privatlebens gewidmet. Er richtet sich, zumeist in homöopathischer Dosierung, gegen die kleinen und großen Schwierigkeiten der Existenz. Er betrifft die Pharmazie der Seele und heißt zu Recht „Hausapotheke“. (Hinsichtlich der Homöopathie wäre noch zu bemerken, daß es zweckvoller ist, mit einem Pfeil ins Schwarze als mit einer Granate ins Blaue zu treffen.)

Eine Arzneiflasche ohne Etikett ist – auch das darf nicht unerwähnt bleiben – ebenso unnütz wie ein Etikett ohne Arzneiflasche. Und welchen Sinn hätte der gesamte Inhalt einer Hausapotheke ohne Gebrauchsanweisung und ohne Etiketts? Nicht den geringsten Sinn! Die Hausapotheke würde zum Giftschrank!

Aus dieser Überlegung heraus stellte ich ein Schlagwortregister zusammen. Es folgt der Einleitung, und der Leser soll es benutzen, so oft er Störungen seines Innenlebens mindern oder beheben will. Der Katalog ist, obwohl er von A bis Z reicht, unvollständig. Es gibt zu viele Anlässe, mit sich selber und anderen zu hadern, als daß man dergleichen auf wenigen Seiten übersichtlich und erschöpfend rubrizieren könnte.

Immerhin: Mit Hilfe des Registers werden sich die gereimten Rezepte und Hausmittel in so manchem Falle bewähren können. Stecken Sie das Taschenbuch in die Tasche! Und ziehen Sie’s hervor, wenn Not am Mann ist! Es tut wohl, den eigenen Kummer von einem andren Menschen formulieren zu lassen. Formulierung ist heilsam.

Es ist zudem bekömmlich, zu erfahren, daß es anderen nicht anders und nicht besser geht als uns selber.

Es beruhigt aber auch zuweilen, das gerade Gegenteil dessen, was man empfindet, nachzufühlen.

Die Formulierung, die Verallgemeinerung, die Antithese, die Parodie und die übrigen Variationen der Maßstäbe und der Empfindungsgrade, alles das sind bewährte Heilmethoden. Und in der folgenden Gebrauchsanweisung werden sie samt und sonders beansprucht und diszipliniert.

Die Katharsis ist älter als ihr Entdecker und nützlicher als ihre Interpreten. Die „Lyrische Hausapotheke“ möge ihren Zweck erfüllen!

Also, man nehme!

Erich Kästner

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