Du habest die große Idee, dein Leben zu ändern

Du habest die große Idee, dein Leben zu ändern

Das menschliche Arbeiten, das weltverändernde Wirken, vollzieht sich in drei Stufen. Diese sind:

1. Die große Idee.

2. Die (der großen Idee entsprechenden) Einzelvorstellungen; anders gesagt: die Applizierung der großen Idee, ihre Auflösung in kleine Ideen, Ideen des Einzelnen.

3. Die (den Einzelvorstellungen entsprechenden) Einzelausführungen.

Kurz gesagt: Die große Idee, die kleinen Ideen, die kleinen Taten.

Und leider bleiben die meisten Menschen stets auf der ersten dieser drei Stufen stehen; bleiben stehen bei der großen Idee oder ihr gegenüber auf einer Art Aussichtspunkt; die Sache bekommt dann die Farbe und den Rang des „Idealismus“, der Phantasterei.

Als Beispiel untersuchen wir die große Tat, die in der Errichtung eines ungewöhnlichen Bauwerkes besteht: Du hast die großartige Idee eines Gebäudes – die Vision eines großartigen Gebäudes (und wer sah nicht einmal in seinen Träumen einen erhabenen Bau, sei es Palast oder Kathedrale?); das ist die erste Stufe. Und ist die, auf der die Allgemeinheit stehen bleibt, sich ein bequemes Verhältnis bildend mit der Vision, der man den Namen „Ideal“ verleiht und die weit entfernt, gegenüber und geschieden liegt von dem, was die Menschen ernst nehmen.

Du setzest die große Idee um in Einzelideen (die gar nicht groß sind!); das ist die zweite Stufe und die, die schon selten erreicht wird: so ist die und so die Mauer, so das Dach und so die Schwelle; 20 cm, 85 cm, 2 m 65, 7 x 33, Winkel von 42 Grad. Dies alles aber – keiner entrinne! – müssen Maße sein eines Gebäudes, das der großartigen Idee entspricht, nicht irgendeines Hauses! Die Schwelle ist nicht irgendeine Schwelle! Dicke der Mauer, Länge jedes Balkens, alle Maße müssen zusammenstimmen, zusammen aber das großartige Gebäude ergeben, nicht irgendein Gebäude.

Dann führst du aus, Schwelle, Mauern, Türen, alles so, wie die Einzelideen vorzeichneten (und das „Zeichnen“ kann ja hier im buchstäblichen Sinn verstanden werden). Das ist die dritte Stufe. Dieses Ausführen besteht, wie jeder weiß, in lauter kleinen Taten, zahllosen, mühsamen, gewöhnlichen. Wenn nun alle kleinen Taten beendet sind, Fenster eingesetzt und Geländer angebracht, bleibt da noch die große Tat zu tun, worin bestünde sie?

Mag diese Lehre den wenig Denkenden banal erscheinen; ich glaube, daß sie den Jünglingen immer wieder zu bringen nicht von einer gewissen Nützlichkeit, sondern einer ungeheuren Bedeutung ist; und daß darin vielleicht mehr als in irgend etwas anderem die Liebe zu den Menschen liegt. Nichts anderes als diese Lehre ist es, was sich durch Goethes Werk, jedenfalls des alten Goethe Werk, hindurchzieht als die dominierende Linie. Wer würde die große Tat vollbringen, wenn sie in Wirklichkeit so wie in der Vorstellung der Jünglinge wäre? Es ist nicht so schwer, wir sind nicht so verloren, so vom Zufall abhängig, vom „Glück“; nein, wir können ungefähr das herausbringen, was wir sind. („Wer immer strebend sich bemüht…“)

„Die Höhe reizt uns, nicht die Stufen; den Gipfel im Auge wandern wir gerne auf der Ebene.“ Wer aber würde den Gipfel erreichen, wenn er es in einer großen Tat, d.h. ohne die Stufen, ohne die Schritte (also in einem Sprunge) vollbringen müßte? – Wer ihn erreicht hat über die Stufen, muß der noch die große Tat tun?

Ach ja, das alles (von der Dreistufigkeit) sei ja längst bekannt, hundeeinfach, klar wie Wasser, sagt man mir. (Ich brauche nicht hinzuzufügen, daß die Unterhaltung mit Herrn Meyer, dem Apotheker, geführt wird.)

Genügend bekannt, einfach?
Natürlich. (Er rümpft die Nase, schaut hochfahrend und ermüdet.)
Vollständig klar, und wahr, und einfach? Realisierbar also?
(Er macht eine stumme Bewegung.)
Warum bist du dann so ein Stümper geblieben?

Dieser hielt sich ans Einzelne und änderte das All. Jener predigte das Universale und änderte weder das All noch das Einzelne.

Ich scheue mich nicht, es noch einmal zu wiederholen: Es gibt nicht, nach den genannten drei Stufen, noch eine große Tat. Und das ist der Satz, den ich an dieser Stelle in Stein geschlagen haben möchte, nicht geschrieben auf Papier.

Daß es, viertens, noch die große Tat gebe, das ist der Wahn, der Wahn, der unter den Menschen am meisten Unheil gestiftet hat. Nur wer nicht länger nachdenkt, ermißt das nicht. Warum ist Ernst Schmetterling eine so traurige Sache, so nichtig, so wertlos? Er sagt: „Ja, wenn alle Menschen… tun würden (nicht in den Krieg ziehen, ein anderes Leben führen und dergleichen), so aber – was kann einer. (Wenn die große Tat geschehen wäre, geschähe, geschehen würde, dann, ja…)“ Und er bleibt Ernst Schmetterling, eine so traurige Sache, so nichtig, so wertlos. (Ein Mann, der, wie die meisten andern, nicht das Geringste tut, nicht das Kleinste ändert, von dem nichts zurückbleibt.)

Ernst Schmetterling ist ein Mann, der nicht teilnimmt an der Welt und von dem folglich, wenn er gestorben ist, nichts zurückbleibt. Und die große Idee hatte er indessen, Ernst Schmetterling, er hatte die volle Sehnsucht! Wir können nicht teilnehmen an der Welt durch die große Idee, durch die volle Sehnsucht. Es ist nicht möglich.

Noch einmal:
Die große Idee,
Die kleinen Ideen,
Die kleinen Taten,
– und keine vierte Stufe, nichts anderes mehr.

Du habest die große Idee, dein Leben zu ändern (und haben nicht die meisten sie?); so laß die große Idee zerfallen in die ihr entsprechenden Teil-Auffassungen (wie viele gelangen so weit?); tue diese einzelnen Dinge (langsam, im Maße deiner Möglichkeiten, deiner Kräfte nur, eins nach dem andern): Dein Leben ist geändert.

Ludwig Hohl

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