Ein bißchen Stricken genügt da nicht

Ein bißchen Stricken genügt da nicht

Es fehlt „in unserer innersten Seele“, möchte ich sagen, an farbigen Bildern: das ist unser Übel. Und unsere Entscheidung ist das: welchen Weg wir, diese farbigen Bilder zu erlangen, einschlagen. Da gibt es wirklich nur einen Weg, und hundert falsche. (Die meisten falschen bestehen darin, irgendeine Art Glück zu erhoffen, auf Glück irgendwie zu warten.) Der richtige Weg ist die Entfaltung der vollsten Tätigkeit, die uns möglich ist. Der vollsten: an unserem Vermögen (unseren Bedingungen) und an der Wirkung auf andere (uns wie andere) gemessen. Ein bißchen Stricken genügt da nicht (oder es müßte, dem es genügte, ein trauriges Wesen sein). Hindern dich die Umstände an der Entfaltung deiner Tätigkeit? Dann wirke auf die Änderung der Umstände hin und du hast darin deine Tätigkeit.

Jeder kann arbeiten, immer.

Wichtig ist es, zu wissen, und dieses Wissen immer wieder gegenwärtig zu machen, daß Arbeiten kein ruhiges Geschehen ist, sondern eine Kette von Katastrophen, von Aufstieg und Niedergang, Neubeginn, Revolutionen; ein stetiges Wechseln vom einen ins Entgegengesetzte, sogar von der Bewegung ins Verweilen hinein, und wieder aus ihm hinaus, vom Innen zum Außen (und umgekehrt), von der Ferne in die Enge, und so fort; kein harmonisches Wallen, sondern ein andauernder Kampf (gegen Ermattung und all die übrigen Dinge…), für uns Menschen. – Doch für wen denn anders? Für, von Gott und Göttern reden wir nicht, Karikaturen, wie sie infantile Hirne als Bild des Menschen schufen und wie sie sich so erstaunlich zäh durch die Zeitalter erhalten; für sie, diese Karikaturen, diese Nichtexistierenden, ist das Arbeiten, und somit auch das Leben, harmonisch; und dann vielleicht auch noch für die totalen Idioten (ich sage vielleicht, denn der Idiotismus ist eines der unerforschtesten Gebiete); sonst aber für gar keinen, war es auch nicht für Goethe, der doch der Begabteste und am meisten von außen Begünstigte war.

Zuzeiten muß jeder den Schritt über jenen Ort hin tun, wo alles, momentweise, in Frage gestellt ist (was der Grund ist all unserer Depressionen), den Schritt über Abgrundstege des Gebirges. Das Neue ist noch nicht, das Alte ist nicht mehr; über eine Kluft zwischen zwei Felswänden gehst du, fest war der Fels hinter dir und sicher wird einmal der neue sein, aber nun ist unter deinen Füßen die Leere.

Ludwig Hohl

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