Kommt und erquickt euch an der Lebensquelle

Kommt und erquickt euch an der Lebensquelle

Fort von Gardine, Teppich, Sofa und Buch – von „der Gesellschaft“ – von Rathaus, Straße, modernem Wohlleben und Luxus – hingeeilt zu dem urtümlichen, sich schlängelnden baumbeschatteten Bach mit seinen unbeschnittenen Sträuchern und grasigen Ufern – fort mit den Binden, zu engen Schuhen, Knöpfen und der ganzen in ihrer Form erstarrten Zivilisation – von den betrügerischen Läden, Maschinen, Ateliers, Amtsstuben, Empfangszimmern ringsum – fort von den Schneidern und modischen Kleidern – von allen Kleidern vielleicht, zumindest im Augenblick, denn die sommerliche Hitze in der feuchten schattigen Einsamkeit dort draußen nimmt zu. Fort, o Seele (laß dich, lieber Leser, aus der Schar der vielen erwählen und mich mit dir völlig frei, ungezwungen, vertraulich reden), für einen Tag und eine Nacht wenigstens, zurück an unser aller nackte Lebensquelle – an die Brust der großen stillen wilden alles in ihre Arme schließenden Mutter. Ach, wie viele sind so abgestumpft, wie viele sind so weit fortgegangen, daß eine Rückkehr fast unmöglich ist!

Wieder ein Tag ganz frei von spürbarer Hinfälligkeit und Schmerzen. Es scheint wirklich, daß Frieden und Gesundung unmerklich vom Himmel in mich einfließen, wenn ich langsam, in der guten Luft, die Wiesenwege entlang oder über die Felder humple – wenn ich hier ganz allein der Natur gegenüber sitze – der offenen, stummen, geheimnisvollen, fernen, dennoch fühlbaren, beredten Natur. Ich verschmelze ganz mit der Landschaft, mit dem vollkommenen Tag. Wenn ich an einem klaren Bach verweile, beruhigt mich hier sein sanftes Murmeln, dort das rauhe Plätschern seines drei Fuß hohen Wasserfalls. Kommt, ihr Verzweifelten, die ihr noch die Spur eines Willens habt – kommt und erquickt euch an den unfehlbaren Kräften eines Bachufers, der Wälder und Felder. Zwei Monate lang habe ich sie auf mich wirken lassen, und jetzt spüre ich, daß sie einen neuen Menschen aus mir machen. Tag für Tag etwas Abgeschiedenheit – Tag für Tag mindestens zwei oder drei Stunden Freiheit, Baden, kein Gespräch, keine Verpflichtung, keine Kleider, keine Bücher, keine Lebensformen.

Soll ich dir, Leser, sagen, wem ich meine bereits weitgehend wiederhergestellte Gesundheit verdanke? Dem fast zweijährigen Verzicht, mit kleinen Unterbrechungen, auf jegliche Drogen und Medikamente, dem Aufenthalt im Freien.

Walt Whitman

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