Lesen & Leben

Lesen & Leben

Er seufzte, bevor er begann. „Ich bin kein Kirchgänger, Herr Pfarrer“, sagte er entschuldigend.

Der andere erhob nur die Hand. „Wir wollen von den wichtigen Dingen sprechen“, unterbrach er.

„Auch die Bibel habe ich lange nicht gelesen“, fuhr Thomas fort, „seit meiner Einsegnung nicht. Der Dienst war schwer, und es wollte nie recht zusammenstimmen… Heute nun fand ich unter meinen Büchern den Psalter, eine ganz alte Ausgabe, groß gedruckt, durch eine Erbschaft während des Krieges zu mir gekommen. Ich habe darin geblättert und fand den neunzigsten Psalm. Ich entsann mich wieder, auf das meiste wenigstens, aber ein Vers war mir unbekannt. Als Kind liest man darüber hinweg, und auf Kinder trifft er ja nicht zu. ‚Wir bringen unsere Jahre zu wie ein Geschwätz‘, steht dort geschrieben. Zuerst las ich weiter, als sei es wie das übrige, aber dann kehrte ich gleich wieder zurück und las ihn noch einmal. Und dann las ich nicht mehr weiter…es war wie ein Mast, der über einen stürzt, und man kann nicht aufstehen unter ihm…“

Der Pfarrer nickte. Er hatte den Kopf in die rechte Hand gestützt und Thomas unbeweglich angesehen. „Ja“, sagte er, „Sie werden das natürlich als einen Zufall bezeichnen, daß Sie gerade dies gelesen haben. Ich selbst, wenn es mir widerfährt – und es widerfährt mir oft -, ich sehe es natürlich anders an. Ich weiß dann, daß ein solcher Vers gewartet hat, bis es Zeit geworden ist. Verstehen Sie? Es ist nicht so, daß ein Mensch für sich lebt und ein Vers wieder für sich, und vielleicht kreuzen ihre Wege sich einmal. Sondern es ist so, für mich natürlich nur, daß der Vers auf seinen Menschen wartet und der Mensch auf seinen Vers. Aber wenn es sich erfüllt, ein bestimmtes Stück der Lebensbahn, ein Sturz oder ein Aufstieg, oder auch nur eine bestimmte Düsternis und Verwirrung, dann ist der Vers da. Er schlägt gewissermaßen das Buch auf, er selbst, er enthüllt sich, er stellt sich auf den Weg. Und dann kann man nicht herumgehen oder ausweichen. Er ist wie Eisen, das zuschlägt. Er hat uns…ist es nicht so?“

„Ja“, sagte Thomas leise, „er hat uns…so ist es.“

„Und nun soll ich Ihnen sagen, was Sie damit anfangen sollen, nicht? Der Vers bedrückt sie, er ist wie ein leiser, dumpfer Schmerz, der immer da ist. Sie lesen etwas anderes oder Sie gehen spazieren, viele Stunden lang, am Tage oder lieber in der Nacht. Aber er geht immer mit Ihnen, er ist nicht mehr außen, in einem Buch, das in Ihrem Hause bleibt, wenn Sie das Haus verlassen. Er ist schon in Ihnen, in Ihrem Blut, ganz tief, Sie sind nicht mehr sein Herr.“

„Ja“, sagte Thomas, „so ist es.“

„Sie müssen es nun so ansehen“, fuhr der Pfarrer fort, „oder vielmehr, es ist wohl richtig, wenn Sie es so ansehen: der Vers hat das Seine getan, er hat sich gleichsam vom Tode auferweckt, er ist für Sie auferstanden. Und nun fragt sich, ob Sie das Ihre tun wollen. Ich will es nicht ‚auferstehen‘ nennen, denn das ist ein sehr großes Wort. Es fragt sich, ob Sie den Vers wieder begraben wollen, ihn erwürgen und zuschütten… ja, ich sagte ‚erwürgen‘! dann rührt er sich noch eine Weile, so wie das Kind bei Tolstoi, wissen Sie? In der Nacht, wenn Sie aus einem Traum auffahren, oder in einer Gesellschaft, oder vielleicht, wenn Sie Ihren Jungen ansehen. Aber dann ist er still, so still wie vorher. Er hat angeklopft, und Sie haben nicht aufgemacht. Sie haben die Hunde auf ihn gehetzt, und er ist tot. Für Sie ist er tot, ewig und unabänderlich.

Das ist der eine Weg. Der andere ist ebenso klar, nämlich, daß nun Sie auch das Ihrige tun, nicht wahr? Daß Sie eben aufhören damit, Ihre Jahre zuzubringen wie ein Geschwätz. Und wenn Sie das tun, dann ist der Vers still, sein Vorwurf, seine Klage. Er trifft nicht mehr zu für Sie, Sie haben ihn erlöst. Im Märchen wird aus einem Drachen eine Prinzessin. Im Leben ist es so, daß man eben aufhört, so zu sein. Daß man anders wird, kein Heiliger und kein Prophet, aber eben anders, nicht?“

„Ja“, sagte Thomas, „aber wenn man das nicht so ohne weiteres kann…fromm werden, meine ich, oder glauben, oder wie man es nennt…“

„Fromm werden? Glauben?“ Der Pfarrer beugte sich vor und sah ihn erstaunt an. „Wie kommen Sie darauf? Arbeiten soll man, arbeiten! Verstehen Sie? Nichts als arbeiten! Das heißt es!“

Ernst Wiechert

Viewed 4075 times by 1881 viewers

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.