Solches Tun nenne ich Arbeiten

Solches Tun nenne ich Arbeiten

Der Mensch lebt nur kurze Zeit. Verhängnisvoll ist, sich einzubilden – genauer: die kindliche Einbildung zu bewahren -, daß wir lange leben. Alles würde, wenn wir bei Zeiten von der Kürze unseres Lebens wüßten, sehr geändert sein.

Nun sieht unser Leben von der Kindheit aus gesehen freilich lang aus; von seinem Ende aus unerhört kurz; welches ist seine reale Dauer? Sie hängt davon ab, wie oft und von wie früh an du dein Leben als kurz betrachtet hast.

(Denn nicht die Uhr mißt die Länge eines Lebens; sondern das, was drin war.)

Alles, was wir handeln, muß, wenn es Wert haben soll, vom Betrachtungspunkt der Kürze unseres Lebens gehandelt sein.

Stehen wir nicht da, so werden wir, auch wenn wir scheinbar tätig sein sollten (äußere Gewalten treiben uns zumeist zu einer scheinbaren Tätigkeit und lassen uns ihr nicht mehr entrinnen), vorwiegend in immerwährender Erwartung leben; stehst du aber da, so willst du vor allem andern selber noch rasch etwas tun (- und mit einem ganz andern Ernste, als jenes Tun geschieht, in dem dich fremde, äußere Mächte gefangen halten). Es ist aber etwas tun und solches Tun – eigenes Tun, zu dem dich nicht fremde äußere, sondern innere Gewalten nötigen -, das einzige, was Leben gibt, was retten kann.

Solches Tun nenne ich Arbeiten.

Ludwig Hohl

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