Sub specie mortis

Sub specie mortis

An allem können wir zweifeln, an Liebe, Gott und Unsterblichkeit, aber die Wirklichkeit des Todes kann selbst ein Narr nicht leugnen. Trotzdem leben viele, als gäbe es ihn nicht, wir sind im Sichfreuen geizig, im Sichverschenken kleinlich, im Danken knausrig, im Wagnis feige. Das sind die toten Seelen: man ißt, vermehrt und schmückt sich, ohne zu merken, daß man schon gestorben ist.

Wer zum persönlichen Ungemach, zu Mißerfolgen und zum Übel, zur Unwissenheit keinen Abstand gewinnen kann, wählt vielgestaltige Zerstreuungen, die er wie einen wackligen Wandschirm zwischen sich und dem Tod aufstellt. Man gibt sich plattbequemem Optimismus hin, macht Jagd auf Geld und Lust, um nicht an den Tod zu denken. Wer es tut, des Leben wandelt sich und gewinnt in kleinen und großen Dingen einen neuen Aspekt. Sub specie mortis leben heißt, das Leben durch den Tod formen und nicht in seinem Schatten, sondern in seinem Lichte sinnerfüllt leben. Die Volksschule, die Mittelschule, die Hochschule bereiten den Menschen für das Leben vor. Es gibt leider keine Schule, die ihn für den Tod vorbereitet, es sei denn, er habe diese in seinem eigenen Innern errichtet und jeden Tag als einen Schulgang zum Tode aufgefaßt.

Ein Baumeister seines Todes ist auch ein Baumeister seines Lebens. Er versäumt keine Dankesschuld und keine Dankesfreude, wohl wissend, daß ihm nicht eine unendliche Zeit zur Verfügung steht, sondern vielleicht nur noch ein einziger Tag, und dieser erblüht wie eine Victoria regia.

Vom Tode im Leben spricht Augustin in seiner Schrift „De civitate Dei“: „Vom ersten Augenblick an, da man sich im sterblichen Leibe befindet, geht nämlich im Leben ständig etwas vor sich, was zum Tode führt.“ Leben wir Sub specie mortis, vollzieht sich ein Durchbruch aus der Enge, eine Verlebendigung jeder Körper- und Seelenzelle. In der Ungewißheit der uns noch zustehenden irdischen Pfade wird unser Verlangen, zu danken und zu rühmen, unser Tatendrang intensiver, jeden Aufschub empfinden wir als eine nicht mehr gutzumachende Unterlassungssünde.

Zenta Maurina

Viewed 5118 times by 2290 viewers

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.