Vom Arbeiten

Vom Arbeiten

Kein Mensch kann gleichzeitig an mehreren Stellen arbeiten. Um abzustoßen, muß man einen Widerstand leistenden Boden haben. Wenn der Monteur sich auf einer Leiter zur Decke des Zimmers erhebt, um dort etwas zu verändern, darf nicht zugleich unter den Füßen der Leiter etwas verändert werden, oder dann muß man gefaßt sein, daß der Monteur stürzt. Während die eine unserer Bewegungen verändernd, schöpferisch – das heißt Arbeit ist -, müssen die anderen Bewegungen unseres Alltags mechanisch geschehen – das heißt das Gegenteil von Arbeit sein -, damit sie die das Arbeiten ermöglichende Basis bilden. Es kommt darauf an, daß wir unsere Kräfte vereinigt nach einer Stelle lenken – derjenigen, wo wir unser höchstes Resultat bringen können -; und daß wir an die andern Stellen, wo auch gewisse Bewegungen (sekundäre Dienste) nötig sind, keine Kräfte hinfließen lassen, oder das Minimum von Kräften: was eben heißt, daß unsere gewöhnlichen Alltagserledigungen mechanisch geschehen sollen.

Immer und überall gilt es: Sobald die Vorgänge auf einer Ebene mechanisiert sind, treten die schöpferischen Kräfte (die Kräfte schlechthin) auf einer höheren Ebene in Erscheinung.

Sofort müssen wir an Kant denken, einen überaus schöpferischen Menschen – das heißt überaus großen Arbeiter -, von dem man erzählt, daß er etwa dreißig Jahre lang sich jeden Tag um fünf Uhr erhoben, um zehn Uhr niedergelegt habe, daß er jeden Tag zur selben Stunde am selben Haus vorbeigekommen sei, so daß die Leute ihm den Übernamen „die Uhr“ verliehen. Es wäre leicht und kurzsichtig, diese Lebensführung seinem natürlichen Hang zum Pedantismus zuzuschreiben. Sie stand in enger Beziehung mit der überaus großen Arbeit; Nachprüfungen überall da, wo sehr große Arbeit war, werden ganz Ähnliches zeigen. (Nur im Vorübergehen werfen wir einen Blick auf die Lebensweise von Rodin, Cézanne, Balzac, Spinoza; auch die Arbeitsweise von Thomas Mann soll ganz „pedantisch“ gewesen sein.) In gewissen Vierteln von Großstädten, wie dem Montparnasse, begegnet man bisweilen ungemein aufsehenerregenden Künstlerfiguren; nichts an ihrer Erscheinung ist konservativ; ihr Dasein ist eine Kette von unschuldigen Skandalen: Nicht so war Lenin, der Jahre oder fast Jahrzehnte lang in Bibliotheken arbeitete, Hefte mit winziger Handschrift füllend, äußerlich wie ein Bürger lebend, der aber dann allerdings die Welt veränderte. Cézanne, der größte Revolutionär unter den Künstlern, fristete das Dasein eines kleinen, ängstlichen Rentners, zurückgezogen, karg an Gesten, ja, fast karg… an Geist. Das Feuerwerk zischt nach allen Seiten, die Kanone ist präzis und still.

Womit verbringt denn ihre Tage Frau Meyer? (Frau Meyer, die besonders in den nördlichen Teilen Europas und in den wohlhabenden Ständen viele Schwestern hat.) Sie widmet sich ihrer Haushaltung. Und diese Haushaltung ist reich! Das heißt, eigentlich nicht so sehr; es ist eine ganz kleine Haushaltung; und wenn für Ernährung gesorgt und die Wohnung einigermaßen rein gehalten wird, ist alles geschehen, was man vernünftigerweise hier tun kann; jedoch bei Frau Meyer ist Haushalten eben schöpferisch! Keine Handlung findet man, die mechanisiert wäre; Frau Meyer ändert unaufhörlich alles, von der Art ihrer Speisenzubereitung und ihres Einkaufens bis zur Anordnung ihrer Teppiche; etwas am Hausstand ist jederzeit provisorisch; sie ändert die Reihenfolge der Erledigungen und wieder die Teile jeder einzelnen Erledigung, so daß immerfort Erschwerendes, Unerhofftes, Neues entsteht. Und so, über dieser erfindungsreichen, schöpferischen Art ihrer Ausführungen, bringt sie es dann zustande, täglich zehn Stunden für die Erledigung ihrer Hausgeschäfte zu verwenden, auch wenn dieser Hausstand nur zwei Personen umfaßt und die Wohnung noch so klein ist, auch wenn sie ein Dienstmädchen hat, und endlich noch zu klagen über die viele Arbeit. Es ist eine Schande.

Erklärungen wie, es liege nicht im Bereich einer Frau Meyer…, es müsse auch gewöhnliche, einfache Leute geben, u.s.f., kennen wir. Sie sind falsch. Es müsse auch die Kleinen geben: sage ich denn, daß Frau Meyer größer sein soll, als sie sein kann? Sage ich denn, daß Frau Meyer die Werke Goethes hätte schreiben sollen? Das Schöpferische in dem universalen Sinne, wie ich es verstehe, hat nicht nur mit jenen eigentlicheren, den höchsten Werten zu tun; es geht, jeden nach seinem Maß, alle an. Auch Frau Meyer könnte ein wertvolleres Leben führen – könnte nicht nur, sie hat es sogar durchaus nötig: so nötig, daß sie darüber krank ist seit Jahren. Weil die Seele krank ist, erzeugt sie fortwährend körperliche Krankheiten, die kein Arzt heilen kann. Keiner von diesen Ärzten, die Frau Meyers Milz untersuchen, aber nicht ihr Leben.

Ludwig Hohl

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