Winterschlaf der Herzen

Winterschlaf der Herzen

Ihr lieben Frauen, die ihr auf der Welt nichts habt als euer Herz, die Sehnsucht, die in euren Augen glänzt, und die Empfindungen, mit denen ihr vor dem Abendrot vergeht! Was macht das Leben aus euren Geschlechtsgenossinnen, die vergessen, ihre Seelen zu pflegen, wie sie ihrem Leib genüge tun? Der Bräutigam kommt, von dem sie alles erwarten und dem sie nichts zu geben haben als die Lust der flüchtigen Minute, und er wird nicht mehr zart und feinfühlend sein, sondern ernst, kalt und korrekt, bis auch in ihm alles feinere Gefühl zerstört ist. Da verblüht dann ihre Jugend, der Zauber kurzer Jahre geht dahin, das Gewölbe des Ewigen schrumpft zum Wirtschaftsgebäude, zur Speck-, Holz- und Spinnkammer zusammen, bis sie ärmer und ärmer werden und in Schmerzen und Pflichten dunkel am Ende ihres Daseins ankommen. Dann sind die letzten, holden Traumschlösser zerronnen, so daß sich ihr Leben trübe in bewölkten Tagen hinschleppt. Sie vergessen, was sie in der Morgenröte des Lebens gesonnen haben, und erfahren nie, wessen sie würdig gewesen wären. Nur zuweilen, wenn wehmütige Musik oder die Gedanken eines guten Buches warmen Sonnenschein auf den Winterschlaf ihrer Herzen träufeln, regen sie sich, schauen traumbeklommen umher und fragen: war das das Leben?

Jean Paul

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