Zwei Menschen: der erste ist verloren, der zweite lebt

Zwei Menschen: der erste ist verloren, der zweite lebt

Ich vergleiche zwei Menschen, die demselben Gegenstand gegenüber – derselben Lage oder denselben Menschen gegenüber – folgende verschiedene Stellungen einnahmen: Der erste sagte: „Ich habe es versucht, aber ich tue nichts mehr, denn man kann nicht helfen. Ich habe am 21. letzten Monats abends fünf Uhr einen Kuchen hingelegt (oder: mit ihm zu reden versucht; oder: diese Menschen aufzuklären gesucht über den Weg, den sie einschlagen müssen zu ihrem produktiveren Dasein, zu ihrer Befreiung) – er hat ihn nicht angerührt (oder: er hat nicht geantwortet; oder: sie haben resigniert die Köpfe hängen lassen wie vorher). Man kann nicht helfen.“ Oder er sagt auch: „Ich habe, da ich wohl erkannte, daß Arbeiten nötig wäre, zu arbeiten versucht. Ich bin gestern nur zu diesem Zwecke mit allem Aufwand um sechs Uhr aufgestanden; das zu erreichen, was ich erreichen sollte, ist mir nicht gelungen: Unsere Lage ist zu schrecklich. In diesen Umständen ist jeder Aufwand verloren.“ Und er stellt weitere Hilfeleistungen, oder weitere Arbeitsversuche, ein.

Der zweite hat nicht viel geredet – oder überhaupt nichts, als was die Hilfeleistung selber war -, hat derselben Person (derselben Lage oder denselben Personen) gegenüber denselben Versuch gemacht, der gleicherweisen resultatlos blieb. Der Kuchen wurde nicht angerührt, nun wird er wieder einen oder etwas anderes hinlegen. Der in der Isolation erstarrte Mann hat nicht geantwortet – nun wird er wieder zu ihm, anders oder durch anderes, zu reden suchen. Jene in Resignation versteinerte Menge hat sich nicht aufheben können, ihn zu begreifen: er wird ein neues Mal sie mit dem Leben zu verbinden trachten. Und wenn es seine eigene Arbeit im besonderen Sinne ist, in die er seine Wirkungslinie gelegt hat, – wenn es ein Stein ist, den er behauen soll und von dem der Hammer absprang: so wird er den Schlag an anderer Stelle des Steins wieder führen, oder in anderer Richtung, oder mit einem andern Hammer, oder nur in einem andern Moment. Das wird er nicht siebenmal siebenmal, sondern siebenundzwanzigmal siebenundzwanzigmal wiederholen; abgelenkt kann er überhaupt nur werden durch Versuche, die einem höheren Resultat gelten.

Ich verglich diese zwei Menschen lange, schaute ihre übrigen einzelnen Züge und ihre weiteren Schicksale an … Dann wurde mir klar für immer (wie ich meine): ob man jenen helfen (oder den Stein in unser vollendetes Bild verwandeln) kann, ist gar nicht die Frage und jedenfalls nicht die größte; aber eine Entscheidung ist gefallen: der erste ist verloren, der zweite lebt.

Ludwig Hohl

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