Letzter Spaziergang

Vor einem Jahr. Es grünte und blühte sommerzeitgemäß. Erde und Himmel lächelten einander versöhnlich zu, neu gerichtet und gefirnißt standen die Kulissen des ewigen Spiels, nun aufs beste dienend ihrer Aufgabe, Täuschung zu üben und zu verdecken, was dahinter ist. Ein schöner, schöner Tag, erfüllt von Licht und Wärme! In solcher Wärme dehnen sich, dem Naturgesetz der Körper folgend, auch die Gefühle aus. Der Mensch wird zuinnerst angenehm rund und gespannt, wie aufgeblasen von einer zauberischen Materie, die, leichter als Luft, ihn sanft vom Boden hebt. Wunschloses Verlangen durchdringt ihn ganz, seine Seele sättigt sich an ihrem Hunger.

Ein glücklicher, freudevoller Tag. Luft, Licht, Landschaft: Alles war Schmeichelei und Bejahung. Der kleine Hund schoß über die Wiese, explodierte gleichsam in der Richtung seines Laufs, närrisch vor Lebenslust, und höhnte, was mit Wurzeln festgebunden war. Es roch nach tausend guten Dingen, nach Grün und erdigen Säften und gekochtem Holz. Das Leben atmete ruhig, jedes Teilchen lag weich und sicher im Ganzen wie das Kindlein in der Wiege, alles, was war, kündigte an, was kommen würde, ja, schien heiligste Bürgschaft zu geben, daß es kommen müsse.

Wer dachte da ans Sterben? Am allerwenigsten die Frau, mit dem Freund durch den geliebten kleinen Garten schlendernd. Ruhelos lief ihr Auge über Haus und See und Wiese, nur ja keinen Zug, keine Linie des vertrauten Bildes ungestreichelt zu lassen, wie einem geliebten Menschen übers Haar, streifte ihre Hand über das Laub der Bäume. Ihr Herz fühlte: Leben! Und fühlte es als grenzenlosen Reichtum, der Lust machte, zu verschwenden. Aber wie bettelarm war sie schon, wie nahe dem Nichts! Sie ging durch den Garten und freute sich, daß sie da ging und da gehen werde, heute, morgen, immer wieder … und ahnte nicht, daß sie mit jedem Schritt Abschied nahm von der Erde, die ihr Fuß berührte, mit jedem Blick sich für alle Ewigkeit loslöste von dem Geschauten, mit jedem leisen Anstreifen von Strauch und Baum ihnen Lebewohl sagte auf immer. Unübersehbar tief und dicht stand die Fülle kommender Tage. Und war doch alles nur perspektivischer Trug. Viele Morgen schien ihr Heute noch zu bergen. Und barg doch nur Qual und Ende. Sie machte Pläne, sorgte um die Zukunft … die schon faulte im Mutterschoß. Wie arglos tat das dichte Leben, als dächte es nicht daran, sie zu verlassen. Kummer, Freuden, Hoffnungen, Befürchtungen, der ganze Mückenschwarm der ‚Lebensfragen‘ summte um ihr todverfallenes Herz und Haupt. Sie sprach von nächster Zeit und wußte nicht, daß sie keine mehr hatte. Ein schöner Sommer käme jetzt, mit viel Sonne, ganz gewiß, die Wetterkunde und der Nachbar-Bauer verhießen ihn – er kam auch wirklich, Juli, August, September waren zauberisch, und viele Stunden brannte die Sonne auf das Grab – hinter dem Sommer aber warteten schon Herbst und Winter mit ach so wichtigen Problemen! „Übers Jahr, lieber Freund, wird alles anders sein, und besser.“ Dann ging sie, vom letzten Spaziergang, ins Haus. Ein friedevolles Sommermittagslüftchen drückte sachte die Türe zu.

Erst ein Jahr, schon ein Jahr! Es grünt und blüht zeitgemäß, auch auf Gräbern. Vielleicht wird ein guter, warmer Sommer. Die Menschen gehen spazieren und machen Pläne für morgen. Einige auch, traurige, kummervolle Narren, für gestern!

Alfred Polgar

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