Abschied vom Freunde

Abschied vom Freunde

Viele mit mir beklagen den Hingang des guten Freundes Konstantin zum Standesamt. Vor ein paar Monaten erst geschah es, und schon ist Konstantin so fern, so abgeschieden von allem, dem er früher zugehörig war, so entrückt dem Bezirk der guten Kameradschaft, daß nur noch Erinnerung seiner habhaft werden kann. Das freundschaftliche Gefühl, ausgestreckt nach ihm, erreicht ihn nicht mehr. Er ist da, um die Straßenecke herum da, und doch ganz und gar fort. Er spricht mit uns, Angesicht zu Angesicht, und es ist, als käme Gegenrede zur Rede, Antwort zur Frage von weither, auf gewaltigem Umweg, wie wenn einer seinem Nachbar um die Erde herum telefonierte. Konstantin erzählt von sich und verlangt vom Freunde zu wissen, aber die Erzählung hat das Gleichgültige einer Formalität, und das Verlangen schmeckt altbacken, saftlos, ein liegengebliebener Rest früherer Beziehung, schon ein wenig sauer und verschimmelt.

Konstantin, niemand kann das leugnen, hat es gut getroffen mit seiner Frau. Sie hegt ihn, umfriedet ihn, ist ihm Leib- und Seelengarde, die nichts durchläßt, was den Gleichtakt ihres Mitsammenseins stören könnte. Sie lieben einander, sind solidarisch gegen die übrigen, gegen das übrige, und stets, auch in Gesellschaft, allein. Eine Spezialluft weht zwischen ihnen, in der Licht und Schall besondere Brechung erfahren, eine Privatluft, die sich mit gemeiner, allgemeiner Atmosphäre nicht mischt. Ihr Gespräch mit Dritten ist chiffriertes Gespräch zwischen ihnen selbst, ihre Stille eine Geheimstille, die sie einander beziehungsvoll zuschweigen. Oft, in Gegenwart anderer, tauschen sie ein rasches, tropisch warmes Blickchen, wirft er ihr ihren Namen zu, bloß den Namen, ohne daß weiterer Text folgte. Es ist ein zärtlich verdröselter Name, der viel mehr Süßigkeit in sich hat als der richtige, wie die Rosine deren mehr hat als die Traube, und sie erwidert mit einem “Schluxi!”, das etymologisch schon gar nichts mehr mit “Konstantin” zu tun hat, sondern ihr einst geradewegs vom Himmel auf die Lippe fiel. Blickchen und “Schluxi”: das ist Betonung und Bekräftigung der einmal vollzogenen Addition des Ich und Du zu einem Wir, welches als geschlossene, selbständige, nach heimlichem Gesetz kreisende Welt sich demonstrativ abgrenzt gegen alles sonstige Sein ringsumher.

Konstantin, ich muß es zugeben, gedeiht unter der neuen Konstellation. Die Ehe schlägt ihm gut an. Sein Wesen war rauh, jetzt ist es geschliffen, glatt und ruhig. Viel Verwirrung brachte die Liebe in das Zeitmaß seiner Tage, nun dient sie als Metronom, das den Rhythmus eindeutig bestimmt und sichert. Er wollte und wünschte heftig durcheinander, nun stört nichts mehr die Ordnung des Wollens und Wünschens im Haushalt seines Innern. Die Stürme der Begierden und Leidenschaften drehen ab vor Konstantins jetziger Zufriedenheit, auf sanfter Welle schaukelt behaglich das Schiffchen seiner Existenz. Meeresstille und glückliches Auf-dem-Fleck-Bleiben. Er war ein Trinker und trinkt nicht mehr. Ein Raucher und raucht nicht mehr. Ein Unregelmäßiger und Willkürlicher: regelmäßig und unwillkürlich ist, wie und was er heute tut. Er war zerrissen, jetzt ist er genäht, sieht aus wie ganz. Er verlangte stets nach mehr, als er hatte, jetzt verlangt er das, was er hat. Er fraß das Leben mit wildem Appetit, der unausweichlich folgenden Beschwerden solchen Heißhungers nicht achtend, jetzt speist er es in vorsorglich eingeteilten Portionen, hygienisch zubereitet, und nur, was ihm bekommt, bekommt er. Er sah die Frau vor lauter Frauen nicht, jetzt ist es umgekehrt und Konstantin überzeugt, diese unnatürliche Optik sei die natürliche.

Er war einer, jetzt ist er ein halbes Paar.

Er war ein Kerl, jetzt ist er ein Schluxi.

Ach, sie haben einen guten Mann verheiratet! Und mir war er mehr.

Alfred Polgar

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