Die Ehe ist ein Kampf auf Leben und Tod, vor welchem die beiden Gatten den Himmel um seinen Segen bitten – denn sich lieben ist stets das kühnste Wagnis; der Kampf beginnt sofort, und der Sieg, das heißt die Freiheit, verbleibt dem Gewandtesten.
Ich wende mich an die Neuvermählten von gestern und heute, an die, die eben aus der Kirche oder vom Standesamt kommen und sich der Hoffnung hingeben, ihre Frauen für sich allein behalten zu können; an die, die irgendein Egoismus oder sonst ein unerklärliches Gefühl verleitet, beim Anblick der Leiden ihres Nächsten zu sagen: “Mir passiert so etwas nicht!”
Ich wende mich an die Schiffer, die in See stechen, nachdem sie manches Schiff haben scheitern sehen; an die Junggesellen, die sich zu verheiraten wagen, nachdem sie den Schiffbruch mehr als einer ehelichen Tugend verschuldet haben. Dies ist mein Gegenstand; er ist ewig neu, ewig alt!
Ein junger Mann, oder auch vielleicht ein ältlicher Herr, verliebt oder nicht, erwirbt als sein Eigentum durch einen allen Vorschriften entsprechend protokollierten, auf dem Standesamt und im Himmel unterzeichneten und in die Steuerlisten eingetragenen Ehevertrag ein junges Mädchen mit langem Haar, mit schwarzen feuchten Augen, mit kleinen Füßen, mit zierlichen, spitzen Fingern, mit rotem Mund, mit elfenbeinweißen Zähnen, gut gewachsen, lebenatmend, appetitlich, sauber, weiß wie eine Lilie, mit den begehrenswertesten Schätzen der Schönheit reich bedacht: ihre gesenkten Wimpern gleichen den Stacheln der Eisernen Krone; ihre Haut ist frisch wie die Blüte einer weißen Kamelie; in ihrer jungfräulichen Gesichtsfarbe glaubt das Auge den Duft einer jungen Frucht und den kaum wahrnehmbaren Flaum eines vielfarbenen Pfirsichs zu sehen; ihre azurnen Adern verbreiten eine wonnige Wärme über dieses helle Geflecht; sie fordert und gibt das Leben; sie ist ganz Freude und ganz Liebe, ganz Anmut und ganz Naivität. Sie liebt ihren Gatten, oder glaubt ihn wenigstens zu lieben.
Der verliebte Ehemann hat sich in seinem tiefsten Herzen gesagt: “Diese Augen werden nur mich sehen, dieser Mund wird nur für mich in Liebe zucken, diese weiche Hand wird nur über mich streichelnd die Schätze der Wonne ergießen, nur für mich wird dieser Busen wogen, nur meinem Willen wird diese entschlummerte Seele erwachen; ich allein werde meine Finger in diese glänzenden Locken tauchen; ich allein werde in träumerischer Liebkosung dieses erzitternde Köpfchen streicheln. Ich werde den Tod zum Wächter bestellen, um dem fremden Räuber den Zugang zu unserem Hochzeitsbett zu wehren; dieser Thron der Liebe wird im Blut der Unbesonnenen schwimmen oder in meinem Blut. Ruhe, Ehre, Glück, Blutsbande, Vermögen meiner Kinder, alles ist in unserem Ehebett; ich will das alles verteidigen, wie eine Löwin ihre Jungen. Wehe dem, der seinen Fuß in meine Höhle setzt!”
Nun, mutiger Ringer, wir klatschen deinem Vorhaben Beifall! Bis jetzt hat kein Geometer die Längen- und Breitengrade auf dem Meere der Ehe zu bestimmen gewagt. Die alten Ehemänner haben sich geschämt, die Sandbänke, die Riffe, die Klippen die Brandungen, die Monsune, die Küsten und die Strömungen zu bezeichnen, die ihre Schiffe zerstört haben, so sehr schämten sie sich ihres Schiffbruchs. Es fehlte ein Führer, ein Kompaß für die verheirateten Pilger… Dieses Werk ist bestimmt, ihnen dazu zu dienen.
Honoré de Balzac
Viewed 565 times by 208 viewers






