Wer ein Mann sein will, muß ein Nonkonformist sein

Machen wir endlich Schluß mit verlogener Gastfreundschaft und Liebenswürdigkeit. Wir können nicht länger so leben, wie diese betrogenen Betrüger, mit denen wir verkehren, es von uns erwarten. Sprechen wir zu ihnen:

„O Vater, o Mutter, o Weib, o Bruder, o Freund, ich habe bisher nach dem Scheine mit euch gelebt. Von nun an gehöre ich der Wahrheit. Wisset, daß ich hinfort keinem anderen als dem ewigen Gesetz gehorchen werde. Ich will nicht mehr mit euch im Bunde, sondern nur euer Nachbar sein. Ich will mir Mühe geben, meine Eltern zu versorgen, meine Familie zu ernähren, ich will der keusche Ehemann einer Frau sein – aber ich muß diese Beziehungen auf eine neue Weise leben. Ich kann mich nicht mehr nach euren Gewohnheiten richten. Ich muß ich selbst sein. Ich kann mir um euretwillen nicht länger Gewalt antun, noch sollt ihr dies um meinetwillen tun. Wenn ihr mich lieben könnt, so wie ich bin, werden wir alle glücklicher sein. Wenn ihr es nicht könnt, will ich trotzdem versuchen, eure Liebe zu verdienen. Ich werde kein Hehl mehr machen aus dem, was mir gefällt und was mir nicht gefällt. Ich bin so fest davon überzeugt, daß das Tiefste heilig ist, daß ich im Angesicht von Sonne und Mond kühn das tun will, was mir eine innere Freude und ein Gebot des Herzens ist. Seid ihr edel, will ich euch lieben; seid ihr es nicht, will ich weder euch noch mich selbst durch geheuchelte Aufmerksamkeiten beleidigen. Wenn ihr wahr seid, doch nicht in derselben Wahrheit steht wie ich, haltet euch an Gleichgesinnte, und ich will meinesgleichen suchen. Dies tue ich nicht aus Selbstsucht, sondern in Demut und Wahrhaftigkeit. Es ist sowohl in eurem als auch in meinem und im Interesse der ganzen Menschheit, daß wir in der Wahrheit leben, mögen wir auch noch so lange in der Lüge gelebt haben. Klingen diese Worte hart? Ihr werdet das Gebot eurer und meiner Natur bald lieben, und wenn wir der Wahrheit folgen, kommen wir sicher ans Ziel.“

Auf diese Weise fügen wir unseren Nächsten vielleicht Schmerz zu. Ja, aber ich kann meine Freiheit und meine Kraft nicht verschachern, um ihre Empfindungen zu schonen. Alle Menschen haben Augenblicke der Vernunft, in denen sie der absoluten Wahrheit innewerden. Dann werden sie mir recht geben und dasselbe tun.

Die Menge glaubt, daß ihr aus reinem Widerspruchsgeist gegen alle sittlichen Normen seid, weil ihr die konventionelle Moral verwerft und damit den rohen Ausschweifungen der Sinne angeblich Tür und Tor öffnet. Dem ist nicht so, denn das Gesetz des Gewissens bleibt bestehen. In einem von zwei Beichtstühlen müßt ihr euer Bekenntnis ablegen. Ihr könnt eure Pflicht erfüllen, indem ihr euch entweder auf direktem oder auf indirektem Wege entlastet. So könnt ihr euch fragen, ob ihr euren Verpflichtungen gegenüber Vater, Mutter, Vettern, Nachbarn, Stadt, Hund und Katze gerecht geworden seid oder ob euch diese etwas vorwerfen können. Ich kann aber auch auf solche indirekte Norm verzichten und mich selbst lossprechen. Ich stelle meine eigenen hohen Ansprüche an mich und habe einen Pflichtenkreis, in dem ich manches verweigere, was sonst Pflicht genannt wird. Wenn ich diesen erfülle, brauche ich die gewöhnlichen Normen nicht. Wer meint, dies sei ein bequemes Gesetz, möge versuchen, seine Gebote auch nur einen Tag zu halten.

Das sind die Stimmen, die wir in der Einsamkeit hören, aber im Getriebe der Welt werden sie schwächer, bis wir sie kaum mehr vernehmen. Die Gesellschaft ist überall gegen das unerschrockene Auftreten ihrer Mitglieder verschworen. Sie ist wie eine Aktiengesellschaft, deren Teilhaber sich geeinigt haben, für die Sicherstellung eines jeden die Freiheit und Würde des einzelnen zu opfern. Die Tugend, die sie am höchsten schätzt, ist Konformität. Eigenständigkeit ist ihr verhaßt. Sie liebt weder die Wahrheit noch den schöpferischen Menschen, sondern Gewohnheit und Prestige.

Wer ein Mann sein will, muß ein Nonkonformist sein. Wer unsterbliche Verdienste erringen will, darf sich nicht danach richten, was als das Gute gilt, sondern muß prüfen, ob es wirklich gut ist. Letzten Endes ist nichts heilig als die Lauterkeit der eigenen Seele. Sprich dich vor dir selbst frei, und dir steht die Welt offen. Kein Gesetz kann mir heilig sein als das meiner eigenen Natur. Gut und schlecht sind nur Namen, mit denen man leicht dies oder jenes belegt. Das einzig Rechte ist, was meinem Wesen entspricht; das einzig Unrechte, was gegen mein Wesen verstößt. Ein Mensch soll allem Widerstand zum Trotz so auftreten, als wäre alles andere scheinhaft und nebensächlich.

Ich schäme mich, wenn ich daran denke, wie leicht wir vor Namen und äußeren Ehrenzeichen, vor großen Gesellschaften und toten Institutionen kapitulieren. Jeder anständige Mensch, der angenehm daherredet, beeinflußt mich mehr als billig, während ich, aufrecht und auf meinem Wesen beharrend, jederzeit die ungeschminkte Wahrheit sprechen sollte. Soll ich es durchgehen lassen, wenn Bosheit und Eitelkeit das Gewand der Menschenliebe anlegen? Wenn ein zorniger Fanatiker sich edelmütig der Sklavenbefreiung annimmt und mir die neuesten Nachrichten aus Barbados bringt, soll ich ihm nicht sagen: „Geh, liebe dein Kind; liebe den Mann, der dein Holz hackt; sei freundlich und bescheiden. Übe dich in dieser Tugend und verbirg deinen harten, lieblosen Ehrgeiz nicht hinter dieser unglaubwürdigen Fürsorge für Schwarze, die tausend Meilen von hier leben. Deine Liebe in der Ferne ist Gehässigkeit zu Hause.“ Rauh und unhöflich wären solche Worte, aber die Wahrheit ist besser als geheuchelte Liebe. Deine Güte muß auch Schärfe haben, sonst ist sie keine.

Im Nu hat uns die Natur in die Sträflingsuniform der Partei gesteckt, der wir angehören. Mit der Zeit bekommen wir alle das gleiche Gesicht und schneiden die gleiche sanfte, eselhafte Grimasse. Insbesondere gibt es eine beklemmende Erfahrung, die sich auch in der Weltgeschichte ausgewirkt hat. Ich meine „die blöde Fratze des Beifalls“, jenes gezwungene Lächeln, das wir in Gesellschaft tragen, wenn wir uns nicht wohlfühlen, mit dem wir auf ein Gespräch reagieren, das uns nicht interessiert. Die Gesichtsmuskeln, die wir nicht spontan, sondern willkürlich, mit unwürdiger Absicht bewegen, erstarren mit einem widerwärtigen Gefühl.

Ein anderes Schreckgespenst, das unser Selbstvertrauen schwächt, ist die Konsequenz – eine wunderliche Ehrfurcht vor dem, was wir in der Vergangenheit gesagt oder getan haben. Die anderen wollen nur dies sehen und nageln uns darauf fest, denn so sind wir berechenbar für sie. Sie haben keinen anderen Anhaltspunkt als die Vergangenheit, und wir wollen sie nicht enttäuschen. Eine törichte Konsequenz ist der Fetisch kleiner Geister, kleiner Staatsmänner, Philosophen und Geistlicher. Eine große Seele hat mit Konsequenz gar nichts zu tun. Genausogut könnte sie sich nach ihrem Schatten auf der Wand richten. Sag in derben Worten, was du denkst; und was du morgen denkst, sag morgen in derben Worten, auch wenn du allem widersprichst, was du heute gesagt hast. „Ja, aber dann wird man mich sicher mißverstehen.“ Ist es denn so schlimm, mißverstanden zu werden? Pythagoras und Sokrates wurden mißverstanden, Jesus Christus, Luther, Kopernikus, Galilei und Newton und jeder reine und weise Geist, der auf Erden Fleisch geworden ist.

Ralph Waldo Emerson

Lesetipp: Hermann Hesse – Eigensinn

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