Das Bestreben, das Leben abzurunden

Wozu mich also die Gewißheit, sich in dem letzten Lebensabschnitt zu befinden, mahnt, ist ein auf das Leben gerichtetes Bestreben, das Leben abzurunden, ein inneres Ganzes daraus zu machen. In den Stand gesetzt zu sein, dies zu tun, dadurch daß man nicht mitten aus dem Treiben des Lebens hinweggerissen wird, sondern einen Zeitraum der Muße und Ruhe behält, ist eine Wohltat der Vorsehung, die man nicht ungenutzt vorübergehen lassen muß.

Ich meine damit nicht, daß man gerade noch etwas tun, etwas vollenden soll. Was ich im Sinn habe, kann jeder in jeder Lage. Ich meine an seinem Innern arbeiten, seine Empfindungen in vollkommene Harmonie bringen, sich selbständiger und unabhängiger von äußeren Einflüssen zu machen, sich so zu gestalten, wie man sich in den ruhigsten und klarsten Geistesmomenten gestaltet sehen möchte. Dazu geht jedem, wieviel er auch an sich getan haben möge, viel ab, daran ist längere Arbeit, als vielfach die Dauer des Lebens verstatten wird. Die aber nenne ich den eigentlichen Lebenszweck.

Allein auch über einen solchen Lebenszweck soll man nicht unfruchtbar mit seinen Gedanken brüten. Er muß nur die der Seele gegebene Richtung sein, nur das, wie sich die Gelegenheit darbietet, urteilende, billigende, zurechtweisende Prinzip. Das Leben will zugleich eine äußere Beschäftigung, eine wirkliche Arbeit in allen Ständen und allen Lagen. Es ist nicht gerade diese Beschäftigung, diese Arbeit selbst, die einen so großen Wert besitzt, aber es ist ein Faden, an den sich das Bessere, die Gedanken und Empfindungen anknüpfen, oder das, woneben sie hinlaufen. Es ist der Ballast, ohne den das Schiff auf den Wellen des Lebens keine sichere Haltung hat.

Wilhelm Humboldt

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