Es lebte eine Frau, die war so schön, daß die Männer von weither kamen und ihre Gunst suchten. Die Frau war jungen Leibes, aber es wohnten in ihm die Alter aller Zeiten. Und die Männer standen im Hof ihres Hauses und auf den Treppen und warteten, bis an jeden die Reihe kam. Denn es kam an jeden die Reihe, daß er eine Nacht dieser schönen Frau zur Seite liegen durfte, eine ganze Nacht vom Abend zum Morgen.
Wenn der Abend kam und der nächste in das Gemach geführt wurde, da stand die Frau in einem reichen mächtigen Gewand inmitten des Raumes und sah mit halbgeschlossenen Augen zu, wie maskierte Dienerinnen den Geliebten der Nacht entkleideten und ihm Hände und Füße fest an das Bett banden, daß er sich nicht rühren könnte. Und da dieses geschehen und die beiden allein miteinander waren, da tat die Frau ihr schweres starrendes Kleid ab und trug darunter ein anderes aus seidengestickten Früchten. Und sie setzte sich zu dem Gebundenen und sprach: “Erzähle, was tätest du mit mir, wenn du nicht gebunden wärest, erzähle.” Und der Gefesselte sprach und wand sich in den festen Bändern.
Da er schwieg, stand die Frau auf, tat ihr Kleid ab, das aus seidengestickten Früchten war, und hatte darunter ein anderes, das war aus safrangelber Seide. Und legte sich wieder neben den Gefesselten und sprach: “Erzähle, was tätest du mit mir, wenn du nicht gebunden wärest, erzähle.” Der Mann stöhnte und seine Worte taumelten wie Betrunkene, und die Frau lag ruhig neben ihm. Und da ihm die Stimme erstickte, erhob sich die Frau und tat das safrangelbe Kleid ab und darunter trug sie nichts mehr auf ihrem nackten Leibe als ein sonderbares Geschmeide. Und legte sich neben den Mann und sprach: “Erzähle…” Und dem Gefesselten drängten sich sinnlose Worte aus Flüchen und Verzückungen durch den Schaum, der ihm am Munde stand.
An jedem Morgen banden die verschleierten Dienerinnen einen Toten vom Bette los, und der Hof wurde nie leer von Wartenden, und auf den Treppen drängten sich die Männer.
Franz Blei
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