Teile immer den Reichtum Deiner Seele

Teile immer den Reichtum Deiner Seele und beglücke mit Deinem Herzen andere

Teurer! Du forderst mein Urteil über die Wärme Deiner Freundinnen und ich gebe es Dir willig und ohne Hülle. Josephinens Briefe sind Beweise eines edlen, gebildeten Charakters und eines warmen, aber unglücklichen Herzens. Die Art, womit sie an Dich schreibt, kann meine Liebe nur erhöhen und muß auch mein erstes, früheres Verhältnis gegen Dich noch mehr rechtfertigen.

Sie liebt Dich. Gehe mein Geliebter, heile dies wunde Herz und tröste die gedrückte Seele, sie verdient es. O wie wird es Dich und mich beruhigen, wenn Du ein drittes Wesen beglückt, ein heißes Sehnen gestillt und jene überfliegende Phantasie mit der Hand der Freundschaft in die Seele voll Frieden zurückgeführt hast. Ich nehme Teil an Josephinens Geschick, weil es traurig ist, ich achte sie, weil sie Dich liebt, sag’ ihr dies, wenn Du bei ihr bist, und gib ihr alles was sie trösten kann, ich werde Dir danken dafür, denn sie ist ein Weib, ist meine Schwester.

Doch eine Bitte habe ich an Dich: Guter, zeige mir keine Briefe mehr von Deinen übrigen Freundinnen – Josephinens Briefe ausgenommen. Liebe sie alle, schreibe an alle, sei ein warmer Freund aller guten weiblichen Seelen, aber – sage mir nichts mehr davon. – Sieh, Guter, ich lege unbesorgt den Frieden meiner Seele in Deine Hände und Deine reine Seele verbürgt mir seine Erhaltung, teile immer den Reichtum Deiner Seele und beglücke mit Deinem Herzen andere. Das eine Herz, das für Dich alles gibt, und alles duldet und Dir ewig vertraut, das wirst Du auch ewig am meisten lieben – vergib Deiner Caroline eine Schwachheit, die doch aus keiner unreinen Quelle fließt, o ich vertraue Dir, mein einzig Geliebter, Josephine hat recht: “Man kann nicht lieben, wenn man nicht vertraut.” Ich weiß es ja, Du Edler, Du wirst Dein Weib nur um so mehr lieben, je mehr Du die Menschen liebst.

Ewig Deine Caroline.

Caroline von Feuchtersleben an Jean Paul

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