So wie die Fülle der Blüten eines Obstbaumes im Frühling dazu bestimmt ist zu verschwinden, um im Herbst einer relativ geringen Zahl von Früchten Platz zu machen, so ist es nur wenigen Vereinigungen, die in der Jugend zustande kamen, bestimmt, die letzte Reife der Liebe zu erreichen. Im allgemeinen ist die Natur reich an Keimen und Möglichkeiten, aber sie gönnt nur ausnahmsweise einer Minderheit die Gunst, das höchste Ziel zu erreichen.
Viele Ehen sind vom Ursprung an gestört, weil einer der beiden Partner psychisch nicht gesund ist. Schon hier ist zu beachten, daß die ausgewogenen Persönlichkeiten, die wirklich normalen Individuen, eine seltene Elite darstellen. Meist sind die beiden Glieder eines Paares gleicherweise defekt, weil in der Liebesvereinigung die Unnormalen sich unbewußt suchen und anziehen. Viele Ehen werden so durch krankhafte Bande zusammengehalten, die dennoch sehr stark sein können. Man stellt immer wieder mit Erstaunen fest, bis zu welchem Grade die geprügelte Frau oft ohne ihren Partner nicht auskommen kann, und bis zu welchem Grade der schlecht behandelte Ehemann seiner schwierigen Gattin ergeben bleibt.
Der Großteil der Gemeinschaften bricht – zumindest seelisch – mit der Zeit auseinander: und viele aus den Reihen der Minderheit, die standhält, erreichen es nie, sich zu entwickeln, wie sie sollten, so daß ihre verkümmerten Früchte am Ast verdorren. Die Ehen, die am Abend des Lebens alle Stufen der Liebe erklommen haben, sind Ausnahmen.
René Allendy
Viewed 563 times by 209 viewers






