Entfaltung und Gesundheit

Als wir die Frage besprachen, wer gesund und wer krank sei, kamen wir zu der Definition, daß Gesundheit dann gegeben ist, wenn ein Mensch in vollem Umfange über die Entfaltung seiner Möglichkeiten verfügt. Mit diesem Begriff der Entfaltung müssen wir uns heute noch etwas weiter beschäftigen. Wenn wir in die Natur blicken, so sehen wir, daß alles Leben dort bemüht ist, das, was in ihm gelegen ist, zur Entfaltung zu bringen. Höchste Entfaltung und letzte Bewährung erfolgt im Leben des Tieres in der Auseinandersetzung mit widrigen Umständen, im Kampf ums Dasein. Gleichzeitig wollen wir aber auch registrieren, daß, wenn in der Natur die Entfaltung behindert wird, was auf der Stufe von Pflanze und Tier nur durch widrige Lebensumstände möglich ist, daß dann Siechtum, Krankheit und Tod eintreten. So ist Gefangenschaft immer Behinderung der Entfaltung; und denken wir daran, daß kaum ein Tier es überlebt, in einen kleinen, engen Käfig eingesperrt zu werden. Wenn der Mensch dies überlebt, verdankt er dies der Hoffnung. Für dieses Gesetz von der Entfaltung haben die Griechen die Formulierung gefunden: „Werde, der du bist.“

Zwischen Tier und Mensch besteht hier nur der Unterschied, daß der Mensch die Freiheit bekommen hat, das heißt er ist weitgehend befreit worden aus den Instinkthandlungen, die das Leben eines Tieres so regulieren, daß die Entfaltung nie zu einem Problem wird. Der Mensch hingegen kann sein Leben nach eigenen Grundsätzen, die er sich selbst gibt, führen. Damit kann es sich aber ereignen, daß die Richtweiser der Lebensführung, die in einer Gemeinschaft aufgestellt wurden, so sind, daß sie die Entfaltung nicht fördern. Höchstmögliche Bequemlichkeit und weitgehende Sicherung des Lebens gegenüber allen Risiken sind die Grundsätze, nach denen wir heute unser Leben einrichten. Diese Grundsätze zusammen mit der fortschreitenden Technisierung des Lebens haben nun für den heutigen Menschen das Leben zwar sehr viel bequemer gemacht, aber eine Fülle von Berufen geschaffen, die sehr eintönig sind, keine Entfaltung fordern und keine Verantwortung mit sich bringen. Damit leben heute Millionen von Menschen ein unausgefülltes Leben. Nach ihrem eintönigen Beruf geben sie sich der Zerstreuung hin, sitzen im Kino oder vor dem Fernsehschirm, lesen Illustrierte und Kriminalromane und gehen zum Fußballplatz. Das sind – man beachte das ja – alles Tätigkeiten, bei denen man sich nur passiv verhält. Es soll hier gewiß nichts gegen Kino und Fernsehen und gegen sportliche Wettkämpfe gesagt werden. Sie können eine wirkliche und wichtige Information bedeuten, ein schönes Bild und eine willkommene Abwechslung darstellen, aber nie eine Erfüllung des eigenen Lebens, denn diese erfährt man nur in der eigenen Aktivität. Man wird also sicher keinen Fehler begehen, wenn man eine der Hauptursachen für die zahllosen nervösen Störungen, von denen die heutigen Menschen geplagt werden, in der mangelnden Entfaltung sieht, die der heutige Lebensstil mit sich bringt.

Der Mensch ist aber ein denkendes und erkennendes Wesen, und wenn er diese Zusammenhänge zwischen Entfaltung der Fähigkeiten und Gesundheit sieht, kann er ja auch freiwillig und aus eigener Initiative an einer Umstellung seines Lebens arbeiten. Hier fängt man am besten früh, das heißt in der Kindheit an zu lernen und zu erfahren, welche Freude es macht, sich anzustrengen und wie schön es ist, mit Anstrengungen etwas zu erreichen. Hier ist in erster Linie der Sport zu nennen, der Betätigung auf dem körperlichen Gebiet bedeutet, die heute überhaupt sehr weitgehend brachliegt. Aber es ist hier auch jede andere Art einer Betätigung zu nennen, am höchsten aber zu preisen alles schöpferische Tun. Auf welchen Gebieten diese Betätigung liegt, ist ganz gleichgültig. Sie muß und soll selbstverständlich den Möglichkeiten und Begabungen des betreffenden Menschen entsprechen.

Die technische Entwicklung, die die Betätigung so vieler Menschen heute so eintönig gestaltet, hat auf der anderen Seite dem Menschen ein Geschenk gemacht, dessen Größe er noch gar nicht begriffen hat. Das ist das hohe Maß an Freizeit und Urlaub. Diese recht zu nutzen, nicht in der Passivität, sondern in der Aktivität, wird jetzt notwendig. Frei sein für Dinge, die man nur um ihrer selbst willen tut, frei sein für Dinge, die geschehen, nur weil sie Freude machen, das bedeutet eigentlich, daß das Menschsein jetzt erst recht anfängt. Nur hat der Mensch das noch nicht begriffen.

Es gibt noch ein besonderes eindrucksvolles Beispiel, das die große Bedeutung für die Entfaltung der Fähigkeiten und Möglichkeiten für die Gesundheit aufweist. Durch Verletzungen während des Krieges und durch Autounfälle ist die Zahl der Querschnittsgelähmten heute verhältnismäßig groß. Diese Menschen, die nicht mehr in der Lage sind, ihre Beine zu gebrauchen, mitunter sogar auch in der Bewegung ihrer Arme behindert sind, sind auf den Rollstuhl angewiesen. Bis vor kurzem war die Todesrate dieser unglücklichen Menschen sehr hoch, bis sich jetzt ein nach England emigrierter jüdischer Arzt – Gutmann – ihrer besonders annahm. Seine Fürsorge lag nicht nur auf dem körperlichen Sektor, sondern ganz besonders bestand sie darin, daß er ihnen wieder neue Möglichkeiten zum Leben eröffnete. Er sorgte nicht nur dafür, daß sie wieder in das Berufsleben eingegliedert werden konnten, sondern er förderte vor allen Dingen den Sport: Tischtennis, Bogenschießen, Wettfahrten mit ihrem Stuhl, Geschicklichkeitsfahren usw. Ja, er ging sogar so weit, beim olympischen Komitee zu erreichen, daß auch diese an den olympischen Wettspielen in einer Sondergruppe teilnehmen konnten. So wurden diese Menschen dem Leben zurückgegeben. Die Todesrate ging sofort rapide zurück. Es gibt kaum ein Beispiel, das eindrucksvoller demonstrieren könnte, wie eng die Entfaltung der Fähigkeiten und der Möglichkeiten mit der Gesundheit im Zusammenhang steht.

Arthur Jores, 1969

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