Das höchste Kunstwerk ist der lebendige Mensch

In unserer materiell übersättigten, geistig unterernährten Zeit führt über den Sumpf der Melancholie, die uns alle je und je befällt, ein Steg; das harte Gestein des Schmerzes durchbricht ein Tunnel und über den reißenden Strom der Verzweiflung läßt sich eine Brücke bauen – das ist die Arbeit. Wer den alttestamentlichen Fluch der Arbeit in Segen verwandelt, der ist gerettet. Wie verschieden auch die Sinndeuter der Langeweile ihrem Temperament und ihrer Weltanschauung nach sind, einige von ihnen erkennen den gleichen Ausweg aus der platten Fadheit, dem Daseinsekel an. Dostojewskij, der menschenkundige Gottsucher, für den die Langeweile das Urböse bedeutet, beschwört die Russen in seiner letzten Rede: „Demütige dich, du stolzer Mensch, und arbeite auf der heimatlichen Scholle.“ Anton Tschechow, der nüchterne Idealist, der sein Leben lang gegen das Gespenst der Langeweile kämpfte, ruft in einem Brief mit ungewöhnlicher Emphase aus: „Arbeiten muß man, alles andere hole der Teufel!“

Der ausschweifende Genießer Charles Baudelaire, der worttrunkene Dichter der Willkür, der Ekstase und des Dandyismus, schreibt kurz vor seinem Tode im Tagebuch, wo er sich und die Menschheit richtet: „Man muß arbeiten; wenn nicht aus Geschmack daran, dann wenigstens aus Verzweiflung; denn arbeiten ist alles in allem doch weniger langweilig als die Zerstreuung.“ Die gegenwärtige Minute als die wichtigste aller Minuten ansehen und die alltägliche Qual in Freude verwandeln, indem man schöpferisch tätig ist. Asketisch klingt der Satz: „Das Vergnügen verbraucht uns, die Arbeit stärkt uns.“ – „Um von allem Elend, der Krankheit und der Melancholie geheilt zu werden, bedarf es nur der Lust zur Arbeit.“

Arbeit ist fraglos Daseinsverankerung, damit sie aber ein Heilweg sei, Wachstum und Wachsein bedinge, muß man ihr gegenüber uneingeschränkte Souveränität bewahren, zu ihr Abstand haben, d.h. fähig sein, sie zu unterbrechen, wenn unsere innere Stimme sich im Rhythmus des Kosmos bewegt. Der Auf- und Niedergang der Sonne läßt sich durch unsere Hetzorgien weder verlangsamen noch beschleunigen.

Die Überlastung und Überanstrengung ist nicht immer eine Folge der äußeren Umstände, häufig ist sie uneingestandene Angst vor unausgefüllten Stunden, vor der inneren Leere, vor der planetaren Unsicherheit, also eine Notwehr und nicht Selbstentfaltung.

Muskeln und Nerven, die Kraft der Organe und des Geistes verbraucht man im unpersönlichen Betrieb, scharrt Geld zusammen und hat keine Zeit, am Freundschaftstempel zu bauen, das Werk zu verrichten, das uns aus der Schwermutshöhle reißt und die Todesstunde durchleuchtet.

Jeder sollte außer der Arbeit, die er leistet, um zu existieren, Zeit und Sinn für etwas erübrigen, was das Herz und Gott erfreut.

Wir alle, die frei sind, sollten uns fragen, was haben wir getan, um die Millionen der versklavten weißen Brüder zu befreien? Unsere Gleichgültigkeit ihnen gegenüber wird sich einmal schrecklich rächen. Jeder, der ein Haus baut, sollte für einen unbehausten mitbauen, und wer Kinder zeugen und gebären will, sollte sich fragen, was habe ich für die Millionen Kinder getan, die elternlos über den Erdball irren?

Durch die Verpflichtung dem Du gegenüber wird die Selbstentfremdung, eine der unzähligen Varianten der Langeweile, aufgehoben.

Die sinnreichste und schönste Arbeit ist fraglos die schöpferische. Ein Tag, an dem ich keine Musik gehört habe, ist ein dürrer Tag; ein Tag, an dem ich nicht wenigstens einige Sätze aus einem geliebten Buch gelesen habe, ist ein hungriger Tag, und an der Bilderausstellung Gottes wie an den Gemälden der großen Meister kann sich mein Auge nicht satt sehen. Allein das höchste Kunstwerk ist und bleibt der lebendige Mensch.

Dieses Kunstwerk zu vollenden, das uns allen – ganz gleich, ob wir als Schuster oder Orchesterdirigenten wirken – aufgegeben, ist die schwerste Arbeit; denn der Mensch, ein Wagnis Gottes, ist das unfertigste, in seiner Hilflosigkeit allen Gefahren preisgegebene Wesen, das für den Kampf ums Dasein wie im Urwald Afrikas, so in dem der motorisierten Großstadt schlecht vorbereitet und wenig ausgerüstet ist. Wie langsam und mühevoll erlernt er den aufrechten Gang; im Geistig-Seelischen bisweilen nie. Wie lange sind die Schuljahre im Vergleich mit der Zeit, in der die schwer erworbenen Schulkenntnisse ausgewertet werden, und das Aneignen der viel wichtigeren Lebensweisheit hat überhaupt kein Ende. Die schöpferische Selbstgestaltung hat nichts mit Egozentrik zu tun, denn der Mensch ist nicht ein Ich-Wesen, er ist ein Wir. Wer dessen nicht eingedenk ist, wird ein Wirr-Wesen.

Zenta Maurina

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