Was ist sein praktischer, handlicher Nutzwert? Wir haben uns daran gewöhnt, diese Frage an alles zu stellen, und darin liegt nichts Banausisches oder Triviales. Jedes Ding steht innerhalb der Weltbewegung und bildet eine ihrer Komponenten; folglich hat es eine Funktion; folglich hat es einen Nutzen. Zudem ist es gerade bei der Kunst für jedermann offen ersichtlich, daß sie kein Luxusartikel ist, sondern etwas eminent Praktisches, vielleicht die praktischste Sache von der Welt.
Zunächst ist jede Dichtung der Niederschlag einer ganzen Menge genauer persönlicher Beobachtungen, die ein bestimmter zum Beobachten besonders geeigneter Mensch gemacht hat und die er den anderen Menschen anbietet, um ihnen dieselben mühevollen Erfahrungen zu ersparen oder ihnen zu ermöglichen, daß sie sie auf einem bequemeren Wege erreichen: alle Dichtung ist abgekürzte Empirie, sie erfüllt einen vereinfachenden, ökonomisierenden Zweck, genau wie jede andere Erfahrungswissenschaft. Sodann: sie ist gar nicht etwa eine Art Überschuß und Überfluß im menschlichen Dasein, denn wenn sie das wäre, so könnte ich sie ja entbehren. Ich kann sie aber nicht entbehren, wie etwa das Kunsthandwerk. Einen persischen Teppich, eine englische Krawatte, eine japanische Stickerei kann ich haben oder nicht haben: es macht in der Dynamik meines Lebens nichts aus, ob diese Dinge mich umgeben oder nicht – das heißt: wenn ich kein Snob bin. Aber bei meinem Dichter habe ich keine Wahl, den muß ich unbedingt haben, und solange ich ihn nicht gefunden habe, ist meine Seele unterernährt und leidet gleichsam an “chronischer Dyspnoe” (Atemnot). Kaum habe ich diesen Menschen, der alles ausspricht, was ich brauche, so strömt plötzlich neuer Sauerstoff in meinen geistigen Organismus, die Blutzirkulation reguliert sich, die Dyspnoe verschwindet, und ich bin gesund. So geht es nicht bloß dem Einzelnen, sondern ganzen Zeitaltern. Ein Zeitalter, das nicht seinen Dichter findet, ist pathologisch. Wenn Dichtungen Luxusartikel sind, dann ist frische Luft auch einer. Fragen wir also getrost nach ihrem Nutzen.
Die förderlichen Dienste, die der Dichter seinem Zeitalter leistet, sind allerdings zum Teil so ungewöhnlicher Natur, daß sie leicht wie das Gegenteil aussehen können. Eines seiner Haupttalente ist zum Beispiel die Fähigkeit, zu fragen. Er fragt, wo es sonst niemand tut. Er gräbt den ganzen Boden seines Zeitalters um, unterwühlt ihn, bohrt Gänge, legt neue Erdschichten bloß und hilft mit dieser schädlichen, unterminierenden Tätigkeit den vorhandenen Humus zerstören. Er bringt Unterirdisches ans Licht, das niemand von ihm verlangt hat, hämmert an die festesten Dinge mit seinen Zweifeln. Im scheinbar Einfachsten entdeckt er die unauflösliche Verwicklung, unter jeder Oberfläche erspäht er die unergründlichsten Tiefen, das Klarste entlarvt er als dunkles Problem. Seine Mission ist: Unruhe und Mißtrauen zu verbreiten. Er macht das Leben, das man eben noch mittels Tabellen und Systemen eingefangen zu haben glaubte, neuerdings zu einer aufreibenden, unentwirrbaren, verhängnisvollen Angelegenheit. Er schließt die solidesten Gesteine auf, zerbröckelt Felsen und verursacht geologische Umbildungen. Seine scharfen Fragen dringen durch die Lücken und Risse der geistigen Schicht, auf der wir soeben behaglich wohnen, lockern sie auf, verwittern sie, spalten sie auseinander. Man darf in jederlei Sinn sagen: der Dichter ist das Salz der Zeit.
Dies ist offenbar eine sehr nützliche Funktion. Denn woran messen wir die Macht und Höhe einer bestimmten Kultur? Keineswegs an ihren “positiven Errungenschaften”, an ihren “Wahrheiten” und kompakten Erkenntnissen. Wonach wir bei ihrer Bewertung fragen, das ist die Intensität ihres geistigen Stoffwechsels, ihr Vorrat an lebendigen Energien. Wie die physische Leistungsfähigkeit eines Menschen nicht von seinem Leibesumfang abhängt, sondern von der Kraft und Schnelligkeit seiner Bewegungen, so wird auch die Lebenskraft einer Zeitseele von nichts anderem bestimmt als von ihrer Beweglichkeit und Elastizität, von der inneren Verschiebbarkeit ihrer Teile, von der Labilität ihres Gleichgewichts, kurz: von ihrem Reichtum an Problemen. Hier liegt das eigentliche Gebiet geistiger Produktivität. Der Fortschritt des Menschen besteht in der Zunahme seines problematischen Charakters. Je polychromer die Ideale einer Zeit sind, je dehnbarer ihre Werte, desto vergeistigter erscheint sie uns.
Gewisse Menschen schmecken fade, gleich chemisch reinem Wasser. Was hilft es uns, daß der Kenner uns versichert, hier sei Wasser, unser Lebensquell, in seiner edelsten, geläutertsten Form, in seiner Idee gleichsam, nichts mehr sei da als reines H und reines 0: wir mögen es doch nicht trinken. Lieber noch halten wir die Hand unter die Dachtraufe: Und ebenso geht es uns mit Leuten, die nur die allgemeinen Bestandteile des Menschen haben und nichts weiter. Sie sind uns eben zu destilliert, zu “abgeklärt “, wie wir höflich umschreibend sagen: in Wirklichkeit aber meinen wir damit ganz einfach: daß sie ungenießbar sind. Sie sind ohne Farbe, Geschmack und Nährwert, sie haben keine Salze und keinen Erdgehalt. Dasselbe gilt von ganzen Zeitaltern: sie sind nichts Lebendiges, keine Quellen; alles ist aus ihnen herausgeschlämmt, herausgedampft; es fehlt ihnen an scharfen Säuren und bitteren, unlöslichen Bestandteilen: an Problemen.
Wird man nach alledem sagen dürfen, die Lebensfähigkeit einer Kultur sei bestimmt durch die Zahl ihrer “aufbauenden Elemente”? Im Gegenteil. Die ganze Entwicklungsfähigkeit und fortschreitende Kraft, die ganze Gesundheit des Menschengeschlechts hängt ab von der Menge geistigen Dynamits, der ihm zur Verfügung steht. Aller Fortschritt zersetzt, trennt, löst auf, zersplittert kompakte Solidaritäten, zerreißt althergebrachte Zusammenhänge, zerstört, sprengt in die Luft. Die Seele des Menschen, die einmal eine Einheit war, wird immer unübersichtlicher, zerlegt sich in immer zahlreichere Bestandteile. Aber damit hat sie sich auch vervielfältigt. Erfahrung und Erkenntnis vermögen abschließende Bilanzen zu ziehen, sie sind dazu sogar berufen; aber wir fühlen dennoch instinktiv, daß der eigentliche Beruf unseres Geistes irgendwo anders liegt. Daher vermag uns alles völlig Positive wenig zu sagen; und eine Zeit, die möglichst viele Probleme gestellt hat, scheint uns immer größer als eine, die möglichst viele gelöst hat.
Die verantwortungsvolle und mühsame Aufgabe, in den geistigen Haushalt seiner Zeit diese scharfen Zersetzungskörper einzuführen, erfüllt der Dichter; aber er macht sich keineswegs beliebt damit. Warum stört er die Ruhe? Er will “neue Zeiten heraufführen”; aber jede frühere Zeit ist die gute alte Zeit, und mit Recht; denn das Seelenleben war damals noch einfacher, ruhiger und leichter. Der Planet rollt weiter und verdoppelt von Jahrhundert zu Jahrhundert die Ansprüche an seine derzeit höchste Artform. Unsere Vitalität soll sich erhöhen; aber das ist beschwerlich und schwierig. Spätere Zeitalter, die ihn nicht mehr brauchen, pflegen den Dichter sehr zu schätzen, lassen ihn in der Schule lernen und benützen ihn dazu, die weiter fortgeschrittenen lebenden Dichter mit ihm totzuschlagen; aber seine Zeitgenossen, die einzigen Menschen, die ihn brauchen, verstehen ihn entweder gar nicht, und dann sagen sie, er sei ein Narr, oder Sie mißverstehen ihn, und dann nennen sie ihn “zersetzend”.
Nun, zersetzend ist er auch in der Tat, zersetzend wie jedes Ferment. Er zersetzt die Toxine, die sich regulär in den geistigen Organismus der Menschheit einzuschleichen pflegen, wo er sie trifft, obschon sie niemand für Toxine hält: die Gifte der Stagnation und Stoffwechselstauung; die Fäulnisprodukte alternder Stoffe, die sich anschicken, in Schimmel überzugehen; die Bakterien der Dummheit, Unfähigkeit und Verdrehtheit, die sich zu allen Zeiten allenthalben herumtummeln. Er zersetzt, um durch Zerfall neue Kräfte zu entbinden, neue Chemismen hervorzurufen, Umwandlungsprozesse anzuregen, vor allem: Entwicklungen zu beschleunigen. Er ist ein produktiver Zersetzer wie jedes Ferment: er steigert die Geschwindigkeit der seelischen Reaktionsvorgänge.
Kurz: der Dichter hat nicht nur eine Aufgabe, er ist auch eine Aufgabe. Aber während er dazu da ist, das Problem des Daseins in allen seinen Teilen komplizierter, widerspruchsvoller und unlöslicher zu gestalten, bietet er sich selbst der Zeit als ein Problem an, das lösbar ist. Seiner Zeit erwächst die Funktion, ihn einzuverleiben, zu resorbieren, seine neuen Energien zu den ihrigen zu machen, ihn als einen lebendigen Bildungskörper in ihr Blutplasma aufzunehmen.
Diese Aufgabe ist die, ihn zu registrieren, da er noch in keinem der bisherigen Kataster Platz gefunden hat. Seine Träume und Gedanken, eingesperrt in Büchern, wollen befreit, in die Wirklichkeit gelassen werden. Sie wollen auf die Straße, sie wollen die ganze Atmosphäre der Zeit erfüllen, sich ausdehnen durch die Realiät statt durch die Bücher. Die Realität aber ist der Mensch des Tages und des täglichen Lebens, der handelnde, auf der Straße, im Garten, in der Kaserne, im Schulhof stehende lebendige Mensch, der Mensch, der im Eisenbahnzuge sitzt, in seinem Zimmer auf und ab geht, eine Ansichtspostkarte in den Briefkasten wirft und Zigaretten auswählt, der soeben einen gebratenen Fisch zerlegt oder einen wassergetränkten Schwamm über seinem Kopf ausdrückt, der seine kleine tägliche Berufstätigkeit abspinnt, die nur auf zehn oder zwanzig Menschen merkliche Wirkung ausübt und trotzdem für ihn selbst das Allerwichtigste ist. Dies allein ist der wirkliche Mensch, und einen anderen gibt es nicht. Und der Dichter, der eine ungeheure Leidenschaft für die Realität hat, denkt bei seiner Wirksamkeit immer nur an diesen, den er doch so ungemein schwer in die Hände bekommt. Des Dichters Bücher wollen ins Leben gerufen werden, sie warten unaufhörlich auf diesen Ruf.
Der Dichter ist der einzige “Moderne” in seiner Zeit, weil er gar nicht in die Zeit gehört, weil er zu einer Kategorie zählt, die noch nicht existiert, weil er mit Kräften arbeitet, die sich erst entwickeln müssen, durch ihn entwickeln müssen: er ist ja dazu da. Er ist eine gänzlich absurde, gänzlich unerprobte, riskante Angelegenheit. Er ist ein Mensch, den es noch nicht gibt.
Darum ist er nicht einfach, nicht “ohne weiteres verständlich”, nicht normal und nicht registrierbar. Ist er einmal zum Normalmenschen, zur menschlichen Norm, registriert, kanonisch geworden, dann ist er schon nicht mehr da. Er hat dann seine Mission erfüllt. Er hat sich verbreitet über den ganzen Erdraum, alle Köpfe indossiert mit seinem neuen Wissen und zu jeder einzelnen menschlichen Seele sich hinzuaddiert. Er hat sich verteilt unter alle, sich verflüchtigt in die ganze Menschheit. Ist der Prozeß, von dem wir eben sprachen, seine Einverleibung in die Zeit, vollendet, hat ihn die Zeit restlos resorbiert und aufgearbeitet, dann hat sie ihn auch aufgezehrt, und er ist nicht mehr vorhanden. So paradox es auch klingen mag: der Dichter ist in der Tat nicht mehr und nicht weniger als die gemeinsame Berührungsfläche zweier Unmöglichkeiten, die Kreuzung aus einem Menschenexemplar, das es noch nicht gibt, und einem Menschenexemplar, das es nicht mehr gibt.
So übernimmt der Dichter von seiner Zeit eine Aufgabe, und diese übernimmt wieder eine von ihm. Es sind aber Aufgaben mit umgekehrtem Vorzeichen: die erste hat ein negatives, die zweite hat ein positives. Der Dichter hat das Thema, sein Zeitalter widersprüchlicher, problemhaltiger, dubioser zu machen, ihm neue Tiefen und Untiefen zu zeigen, es zu irrationalisieren. Das Zeitalter aber hat dem Dichter entgegenzukommen, indem es ihn übersichtlich, verständlich, handlich macht, ihn rationalisiert. Beide haben gegeneinander wichtige Verpflichtungen zu erfüllen, aber entgegengesetzte; der Dichter gegen die Zeit, indem er sie zerlegt, zersetzt, aufgräbt; die Zeit gegen den Dichter, indem sie ihn auseinanderlegt, auseinandersetzt, ausgräbt. Man kann daher sagen: die beiden haben die reziproke Aufgabe, einander aufzulösen; der Dichter die Zeit, in der Art, wie man eine chemische Verbindung auflöst; und die Zeit den Dichter, in der Art, wie man eine Gleichung auflöst.
Ist dieser Vorgang beendigt, so ist alles geschehen, was notwendig ist: der Dichter ist aus einer verborgenen, einer latenten Kraft etwas Offenkundiges, Stationäres geworden; aus dem labilen Gleichgewicht ist er in das stabile der Totenstarre übergegangen. Es ist Platz gemacht für eine neue Zeit und Platz gemacht für neue Dichter. Er selbst ruht dann aufgebahrt unter den übrigen Mumien seines Schlages, ebenso verehrt wie sie und ebenso tot wie sie, die auch einmal das Gesetz des Lebens erfüllten: Bewegung zu verbreiten, und das Gesetz der Geschichte: verkannt zu werden.
Egon Friedell
Viewed 236 times by 118 viewers




