Philosophie will bewegen und nichts als bewegen. Sie verändert fortwährend. Sich selbst aber verändert sie eigentlich niemals. Sie wird zu allen Zeiten bleiben, was sie zu allen Zeiten gewesen ist: eine Entwicklungsbeschleunigerin. Sie hat insofern große Ähnlichkeit mit einem chemischen Ferment. Wie dieses, verursacht sie bloß Zersetzungen und Umbildungen, ohne sich an den Umwandlungsprozessen, die sie hervorgerufen hat, selbst zu beteiligen: sie gibt nur den Anstoß. Wenn wir daher den Wert einer beliebigen Philosophie zu beurteilen haben, so wollen wir nicht fragen, was ist Monismus oder Dualismus, Empirismus oder Kritizismus, Ideologie oder Tatsachenwissenschaft. Wir wollen fragen, wie sie wirkt. Ist sie eine produktive Zersetzerin, ist sie die Ursache von neuen geistigen Chemismen, steigert sie die Geschwindigkeit seelischer Reaktionsvorgänge? Dann ist sie Philosophie.
Egon Friedell
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