Die Spiegelung der Liebe in der elenden Menschenseele
Okt 20th, 2007 by Rudi
Wir sind Zeugen einer wahrhaft paradoxen Lage: Die Liebe nimmt in den innersten Gedanken der Menschen einen ersten Rang ein, sie wird oft zur Besessenheit; sie erfüllt zu neun Zehntel die Literatur, das Theater, die schönen Künste und die privaten Gespräche, während sie zugleich als etwas Schimpfliches betrachtet wird, das nicht eingestanden werden darf, oder einfach als etwas Leichtfertiges und Lächerliches. Im allgemeinen steht man sehr viel müheloser Haßgefühle ein, ja, man rühmt sich ihrer, während stets eine gewisse schamvolle Furcht, Schwäche zu bekennen, im Spiel ist, wenn Liebesgefühle bekannt werden sollen.
Hier ist die Umwertung der wahren Werte total. Alles, was den geschlechtlichen Bereich berührt, wird mit Abscheu betrachtet. Es sind die “Schamteile”. Das Gesetz bestraft das Nackte schwerer als eine Reihe von Gewaltdelikten und die Unehrlichkeit. Die Bezeichnungen der Genitalorgane sind zu schlimmsten Schimpfworten geworden, zu verwerflichsten Anwürfen. Ungebundenes Sexualverhalten wird als tiefer Fall betrachtet. Die Allerweltsmoral kann das Verbrechen verzeihen, den Verrat - die Grausamkeit - nicht aber die sogenannte Libertinage. Es sind die Überwältigungen durch “das Fleisch”, gegen welche die Priester fast alle ihre Ermahnungen richten. Außerhalb der Ehe gilt die Sexualfunktion als kriminell. Die Familien haben das Recht, ihre illegal entjungferte Tochter zu verfluchen; Vorgesetzte, welche ein Mädchen in der gleichen Lage entlassen und dem Elend aussetzen, gelten als brave Leute. Es ist ein seltsames Schauspiel, die Blüte des Lebens von den gleichen Menschen heuchlerisch zertreten zu sehen, die sie doch besonders bewundern, wenn sie von den Dichtern besungen wird, wenn Priester die Liebe und Fruchtbarkeit der Ehepaare segnen, ja sogar wenn die Liebesabenteuer der sogenannten Gesellschaft mitfühlende Neugier erwecken.
Die Ursache dieses Widerspruchs muß in der Ambivalenz, in der Widersprüchlichkeit des Menschen selbst gesucht werden. Immer, wenn der Mensch einem Gegenstand begegnet, der größer ist als er selbst, empfindet er das doppelte Bestreben, ihn auf einen Altar zu erheben, oder aber mit Verachtung abzulehnen; nur objektive Gleichgültigkeit scheint unmöglich. Jedenfalls teilt die Liebe mit dem Göttlichen den Vorzug, der Blasphemie zugänglich zu sein; und schon dies allein, diese einzigartige Spiegelung in der elenden Menschenseele, könnte ein Beweis ihrer übernatürlichen Größe sein.
René Allendy
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