Unter den zahllosen Mißverständnissen, welche um die Liebe entstanden sind, ist jenes fast allgemein verbreitet, wonach Eifersucht eine normale Reaktion der Liebenden sei, ja sogar bis zu einem gewissen Grade der Beweis für eine wirkliche Bindung.
Sobald eine Liebe beginnt, ist es die am schwersten wiegende Erfahrung, die sie mit sich bringt, daß man vor der Trennung zittert, daß die ängstliche Furcht, das geliebte Wesen zu verlieren, ein schweres Leiden bedeutet und daß man keinen heißeren Wunsch kennt, als sich diese Zuneigung des Du auf die Dauer zu versichern; doch dies alles ist nicht Eifersucht. Eifersucht ist tyrannische Besitzgier, die stets mehr oder weniger grausam ist.
Natürlich ist es normal, wenn ein Liebender, der einen Rivalen fürchtet, leidet, aber dabei fehlt die verfolgungssüchtige Tyrannei, das Kennzeichen der wirklichen Eifersucht. Tatsächlich versucht der Liebende in solchen Fällen, die Entscheidung zu seinen Gunsten anzustreben, und zwar mit Hilfe des einzig normalen Mittels, d.h. indem er mehr liebt und sich damit auch liebenswerter macht.
Der Eifersüchtige dagegen, der nie zur Ruhe kommt, bemüht sich keineswegs um Liebenswürdigkeit, sondern versucht durch Kraft zu imponieren, also durch Besitzgier, die dem Wesen der Liebe widerspricht. Man braucht wirklich keine große psychologische Erfahrung zu besitzen, um zu verstehen, daß die Eifersüchtigen keineswegs die großen Liebenden sind, ganz im Gegenteil! Man kann sagen, daß Eifersucht sich zur Liebe verhält wie Krankheit zur Gesundheit: “Wenn man der Allerweltsmeinung nach dem Munde reden wollte”, sagt Caeffeteau, “könnte man getrost zustimmen, daß die Eifersucht wirklich ein Zeichen der Liebe sei, aber nur genau so, wie Fieber ein Zeichen des Lebens ist. Wenn man es nicht vertreibt, kostet es das Leben; wenn man die Eifersucht nicht vertreibt, zerstört sie schließlich die Liebe.”
Der Wunsch nach absolutem Besitz, vor allem auf dem Gebiet der Gefühle, ist ausgesprochen infantil. Das Kind wünscht die ständige Gegenwart, die ständige Fürsorge der Mutter, die ausschließlich für es da zu sein hat. Es stellt sich die Liebe als konkreten Gegenstand vor, der in dem Maße dahinschwindet, als andere daran teilhaben. Es kann nicht begreifen, daß die Liebe eine Strahlung ist, oder besser, eine Melodie, an der sich jeder in dem Maße erfreuen kann, in dem er dazu fähig ist, sei er allein oder im Wettstreit mit anderen. Der an die Wirklichkeit angepaßte Erwachsene muß zur Kenntnis nehmen, daß sein Partner noch andere Gefühlsbindungen hat, und sei es nur an Brüder, Schwestern, Eltern. Wenn man also zur Kenntnis nimmt, daß die Gefühlsbeziehungen mit fünf oder sechs Jahren beginnen und daß die Zeit des Heranwachsens durch Probebeziehungen gekennzeichnet ist, die zahlreich und flüchtig zu sein pflegen, muß es unmöglich sein, ein erwachsenes Wesen zu finden, das nicht bereits oft und oft geliebt hätte; und natürlich sind es die vom Standpunkt des Herzens Begabtesten, die das reichste Gefühlsleben haben und die besonders oft und besonders tief liebten. Ein Erwachsener, der durch Zufall niemals von der Liebe berührt gewesen sein sollte, wäre ein armes Wesen, unbegnadet und recht uninteressant.
Umgekehrt braucht man nur das eigene Herz zu befragen, um zu erfahren, daß es neben der zentralen Liebe, die es besetzt hält, noch viele kleine Herde gibt, die zweitrangig sind, deren Vorhandensein aber die große Liebe keineswegs abschwächt, sondern sie vielmehr durch das Anheben des allgemeinen Gefühlspegels verstärkt. Jeder weiß, daß er seinen bevorzugten Partner nicht mehr lieben könnte, wenn er mit ihm allein eine einsame Insel bewohnte; im Gegenteil: Der alltägliche Austausch zahlreicher gefühlsmäßiger Anziehungen mit anderen Personen ist im Ergebnis nur vorteilhaft, indem er das Bewußtsein noch mehr für die Liebe öffnet.
Der normale Erwachsene verwirft auch sehr bald seine kindlichen Ansprüche auf eine quantitative Totalität im Bereich der Liebe, um sich statt dessen dem qualitativen Ideal zuzuwenden und zu versuchen, eine sehr vollständige, sehr fortgeschrittene Liebe zu verwirklichen; das Ziel ist nun nicht mehr, der einzig Geliebte zu sein oder gewesen zu sein, sondern in der Liebeserfahrung weiter zu gehen als die anderen und am Schluß der am vollkommensten Geliebte zu sein; es gilt einzusehen, daß die höchstentwickelte Liebe auch am meisten wohltut, daß sie am wenigsten tyrannisch, daß sie im Gegenteil die selbstloseste ist.
Wie viele Männer und Frauen leiden noch daran, daß sich innerhalb ihres Liebeshorizonts diese oder jene mögliche Rivalität abzeichnet. Wie plagen sie sich, um sie wegzuwischen oder mit äußeren Mitteln niederzukämpfen (durch Zwangsmittel, Kriegslisten, Verführungstricks usw.). Sie alle stehen in Wirklichkeit mit dem Rücken zur Liebe. Sie wissen nicht, daß niemand ihnen ihre Liebe nehmen kann, solange sie lebt. Sie sind unfähig, das quantitative Ideal der Kindheit durch das qualitative des erwachsenen Menschen zu ersetzen; sie haben nicht begriffen, daß man über mögliche Rivalen nur triumphieren kann, indem man die Qualität der Liebe hebt.
René Allendy
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Ein guter Text! Ich werde ihn mir ausdrucken! Ein herzliches Dankeschön!