Feuer & Frigidität
Okt 20th, 2007 by Rudi
Die Sexualität ist für die ganze Menschheit von einer Atmosphäre der Ambivalenz umgeben, weil die sexuellen Befriedigungen und die Ansprüche der Gesellschaft in grundlegender Weise unvereinbar sind. Die erwachende Sexualität treibt den Jugendlichen, das Familienmilieu, in dem er erzogen wurde, zu verlassen, um sich der Vormundschaft zu entziehen und eine andere Familie zu gründen, die Bestandteil einer zukünftigen Gesellschaft sein wird. Die sexuelle Erfüllung gleicht die Kinder ihren Erzeugern an und zerstört deren Autorität. Das bedeutet eine schwere Krise der gesellschaftlichen Ordnung.
Je stärker ein Jugendlicher von Liebe besessen ist, um so weniger ist er unterwürfig, um so weniger lenksam, um so respektloser den herrschenden Gewalten gegenüber. Aus diesem Grunde versuchen die Familienväter ihre Kinder möglichst lange der Liebe fernzuhalten: die Mädchen, weil sie einem fremden Einfluß unterliegen, die Söhne, weil sie mit den Überlieferungen brechen, die Interessen und die Stabilität der Familie aufs Spiel setzen würden. Sie finden Rückhalt bei den Priestern, welche die erwachenden Energien der Jugend auf den homosexuell getönten Sport ablenken und die Furcht vor Geschlechtskrankheiten einimpfen, die von den Frauen verbreitet werden, diesen Pforten der Hölle. Dieser sexualfeindliche Druck kann auf gut erzogene junge Leute bis zum Militärdienst einwirken. Danach ist die Autorität der Gesellschaft durch den Spieß, das Polizeirevier und das Gefängnis gesichert. Wenn der junge Mann alle diese Prüfungen bestanden hat, ist das Feuer der frühen Jugend in der Regel erloschen und die Sexualität in ihrer seelischen Dynamik beträchtlich herabgemindert. Für die Töchter wird eine passable Heirat geschmiedet und ihr künftiges Wohlverhalten ist um so besser gesichert, wenn es dazu noch gelang, sie frigide zu machen.
Im allgemeinen finden sich die Ehemänner sehr gut mit der Frigidität ihrer Frauen ab. Sind sie selbst - mit ihren Erfahrungen ausschließlich bei Dirnen - allzu sehr Anfänger, so können sie nicht begreifen, was ihnen verloren geht. Auch fürchten sie allzu sehr die Rivalität anderer Männer und hoffen deshalb, daß ihre frigiden Frauen keine Lust haben würden, anderweitig Vergleiche zu ziehen. Das stimmt auch tatsächlich. Aber damit handeln sie sich einen durchaus negativen Wert ein. So müssen sie nach einigen Jahren des Mißbrauchs den Preis dafür bezahlen, daß ihre Frauen unbefriedigt geblieben sind: denn diese werden krank, schwierig, halb verrückt.
René Allendy
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