Sinne täglich nach über Tod & Leben und habe einen freudigen Mut

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Matthias Claudius

Die Zeit kommt allgemach heran, daß ich den Weg gehen muß, den man nicht wiederkommt. Ich kann Dich nicht mitnehmen und lasse Dich in einer Welt zurück, in der guter Rat nicht überflüssig ist. Niemand ist weise vom Mutterleibe an; hier lehren Zeit und Erfahrung und fegen die Tenne. Ich habe die Welt länger gesehen als Du. Es ist nicht alles Gold, was glänzt, lieber Sohn, und ich habe manchen Stern vom Himmel fallen und manchen Stab, auf den man sich verließ, brechen sehen. Darum will ich Dir einigen Rat geben und Dir sagen, was ich gefunden habe und was mich die Zeit gelehrt hat.

Lieber Sohn, es ist nichts groß, was nicht gut ist, und nichts ist wahr, was nicht bestehet. Der Mensch ist hier nicht zu Hause und geht nicht von ungefähr in dem schlechten Rock umher. Alle Dinge mit und neben ihm gehen dahin, ohne es zu wissen, sie sind einer fremden Macht und Willkür unterworfen; der Mensch allein ist sich selbst anvertrauet und trägt sein Leben in seiner Hand. Es ist nicht gleichgültig für ihn, ob er rechts oder links geht. Lass‘ Dir nicht weismachen, daß er sich raten könne und selbst seinen Weg wisse! Spare Dir vergebliche Mühe und tue Dir kein Leid und besinne Dich! Halte Dich zu gut, Böses zu tun! Hänge Dein Herz an kein vergänglich‘ Ding! Die Wahrheit richtet sich nicht nach uns, sondern wir müssen uns nach ihr richten.

Was Du sehen kannst, das sieh, und brauche Deine Augen! Scheue niemand soviel als Dich selbst! Inwendig in uns wohnt der Richter, der nicht trügt. Nimm es Dir vor, Sohn, nicht wider seine Stimme zu tun! Wenn Du etwas sinnest und vorhast, so schlage Dich zuvor an Deine Stirne und frage ihn um Rat! Lerne gerne von anderen, und wo von Weisheit, Menschenglück, Licht, Freiheit, Tugend usw. geredet wird, da höre fleißig zu! Doch traue nicht zu vorschnell, denn nicht alle Wolken haben Wasser, und es gibt mancherlei Weise. Man hat eine Sache noch nicht, von der man redet; Worte sind nur Worte, und wo sie gar leicht und behende dahinfahren, da sei auf deiner Hut! Erwarte nichts vom Treiben und von Treibern, und wo Geschrei auf der Gasse ist, da gehe fürbaß! Wenn Dich jemand Weisheit lehren will, so schaue in sein Angesicht! Nicht der ist weise, der sich dünket, daß er etwas weiß, sondern der, der seiner Unwissenheit inne geworden und des Dünkels genesen ist.

Lehre nicht andere, bis Du selbst gelehrt bist! Nimm Dich der Wahrheit an und laß Dich gerne ihretwegen hassen! Tue das Gute für Dich und kümm’re Dich nicht drum, was draus werden wird!

Sorge für Deinen Leib, doch nicht so, als wenn er Deine Seele wäre! Sei rechtschaffen gegen jedermann und mische Dich nicht in fremde Dinge; die Deinigen aber tue mit Fleiß! Schmeichle niemand und lass‘ Dir nicht schmeicheln! Jage nicht dem Ruhme nach und bleibe niemand etwas schuldig; doch sei zuvorkommend, als ob sie alle Deine Gläubiger wären!

Wolle nicht immer großmütig sein; aber gerecht sei immer! Mache niemand graue Haare! Hilf und gib gerne, wenn Du hast, und dünke Dir darum nicht mehr; wenn Du nicht hast, so habe den Trunk kalten Wassers zur Hand und dünke Dir darum nicht weniger! Tue keinem Mädchen Leides und denke, daß Deine Mutter auch ein Mädchen gewesen ist! Sage nicht alles, was Du weißt, aber wisse immer, was Du sagst! Hänge Dich an keinen Großen! Sitze nicht, wo die Spötter sitzen, denn sie sind die elendsten aller Kreaturen! Achte und habe immer etwas Gutes im Sinn! Wenn ich gestorben bin, so drücke mir die Augen zu und beweine mich nicht! Stehe Deiner Mutter bei und ehre sie, solange sie lebt, und begrabe sie neben mir! Sinne täglich nach über Tod und Leben und habe einen freudigen Mut!

Dein treuer Vater.
Matthias Claudius

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