Von der Freundschaft

Von der spricht nun einer: sie sei überall; der andere: sie sei nirgends – und es steht dahin, wer von beiden am ärgsten gelogen hat.

Wenn Du Paul den Peter rühmen hörst, so, wirst Du finden, rühmt Peter den Paul wieder, und das heißen sie denn Freunde. Und ist oft zwischen ihnen weiter nichts, als daß einer den andern kratze und sie sich so einander wechselweise zum Narren haben; denn wie Du siehst, ist hier, wie in vielen andern Fällen, ein jeder von ihnen nur sein eigner Freund und nicht des andern. Ich pflege solch Ding „Holunderfreundschaften“ zu nennen. Wenn Du einen Holunderzweig ansiehst, so sieht er fein stämmig und wohl gegründet aus; schneidest Du ihn aber ab, so ist er inwendig hohl und ist ein so trocken, schwammig Wesen darin.

So ganz rein geht’s hier freilich selten ab, und was Menschliches scheint sich wohl mit einzumischen; aber das erste Gesetz der Freundschaft soll doch sein: daß einer des andern Freund sei.

Und das zweite ist, daß Du’s von Herzen seiest und Gutes und Böses mit ihm teilst, wie’s vorkömmt. Die Delikatesse, da man den und jenen Gram allein behalten und seines Freundes schonen will, ist meistens Zärtelei; denn eben darum ist er Dein Freund, daß er mit untertrete und es Deinen Schultern leichter mache.

Drittens laß Du Deinen Freund nicht zweimal bitten. Aber wenn’s Not ist und er helfen kann, so nimm Du auch kein Blatt vors Maul, sondern gehe und fordere frisch heraus, als ob’s so sein müßte und gar nicht anders sein könnte.

Hat Dein Freund an sich, das nicht taugt, so mußt Du ihm das nicht verhalten und es nicht entschuldigen gegen ihn. Aber gegen den dritten Mann mußt Du es verhalten und entschuldigen. Mache nicht schnell jemand Deinen Freund, ist er’s aber einmal, so muß er’s gegen den dritten Mann mit allen seinen Fehlern sein. Etwas Sinnlichkeit und Parteilichkeit für den Freund scheint mit zur Freundschaft in dieser Welt zu gehören. Denn wolltest Du an ihm nur die wirklich ehr- und liebenswürdigen Eigenschaften ehren und lieben, wofür wärst Du denn sein Freund; das soll ja jeder wildfremde, unparteiische Mann tun. Nein, Du mußt Deinem Freund mit allem, was an ihm ist, in Deinen Arm und Schutz nehmen; das granum salis versteht sich von selbst und daß aus einem Edlen kein Unedles werden müsse.

Es gibt eine körperliche Freundschaft. Nach der werden auch zwei Pferde, die eine Zeit lang beisammen stehen, Freunde und können eines des andern nicht entbehren. Es gibt auch sonst noch mancherlei Arten und Veranlassungen. Aber eigentliche Freundschaft kann nicht sein ohne Einigung; wo die ist, da macht sie sich gern von selbst. So sind Leute, die zusammen Schiffbruch leiden und an eine wüste Insel geworfen werden, Freunde. Nämlich das eine Gefühl der Not in ihnen allen, die gleiche Hoffnung und der gleiche Wunsch nach Hilfe einigte sie, und je inniger und edler dies Gefühl, dieser Wunsch und diese Hoffnung sind, desto inniger und edler ist auch die Freundschaft, die daraus wird.

Aber, denkst Du, auf diese Weise sollten ja alle Menschen auf Erden die innigsten Freunde sein? Freilich wohl! Und es ist meine Schuld nicht, daß sie es nicht sind.

Matthias Claudius

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