Beizeiten lernen, richtig zu sterben und zu leben
Nov 28th, 2007 by Rudi
Die ersten Lehren, mit denen man seinen Verstand tränken soll, sollten die sein, die sein Verhalten und sein Denken leiten, ihn lehren, sich zu erkennen und richtig zu sterben und zu leben.
Da die Philosophie uns lehrt zu leben, und die Jugend wie die anderen Lebensalter da ihren Lehrstoff findet, warum vermittelt man sie ihr dann nicht? “Feucht und weich ist der Ton, jetzt beeile dich und eifrig drehend bilde ihn” (Persius).
Man lehrt uns zu leben, wenn das Leben vorbei ist. Hundert Schüler haben sich die Syphilis geholt, ehe sie im Aristoteles bis zum Kapitel von der Mäßigung gekommen waren. Cicero sagte, auch wenn er doppelt so lange leben würde, nähme er sich nicht die Zeit, die lyrischen Dichter zu lesen, und ich finde die Spitzfindigkeiten auf eine noch traurigere Weise unnütz. Unser Kind hat es noch eiliger: nur die erst fünfzehn oder sechzehn Jahre seines Lebens gehören der Schule, das übrige dem Handeln. Nutzen wir eine so kurze Zeit, um das Notwendige zu lehren. Es sind Mißbräuche, entfernt deshalb die verworrenen Spitzfindigkeiten der Disputierkunst, die unser Leben nicht verbessern, nehmt die einfachen Sätze der Philosophie, wählt sie richtig und tragt sie angemessen vor: sie sind leichter zu verstehen als eine Erzählung des Boccaccio. Ein Kind ist dazu fähig, sobald es der Amme entwöhnt ist, viel besser, als lesen und schreiben zu lernen. Die Philosophie hat Lehren für den Anfang wie für das Ende des Menschenlebens. Wer es anders macht, meint wohl entweder, es sei noch nicht Zeit, um glücklich zu leben, oder die Zeit dazu sei schon vorbei.
Michel de Montaigne
Viewed 129 times by 70 viewers
















