Mensch unter Nebenmenschen

„Ich war gestern in Melk – das war a Wetter“, sagt einer plötzlich auf der Eisenbahn zu mir. „Der Eder soll g’storben sein, der kaiserliche Rat“, sagt einer am Nebentisch plötzlich zu mir. „Großer Mann geworden!“ sagt einer in ganz anderem Tonfall plötzlich auf der Elektrischen zu mir und zeigt nach einem, der soeben ausgestiegen und auf dessen Bekanntschaft er offenbar stolz ist.

Ich erfahre also, ohne daß ich es verlangt habe, was im Innern meiner Zeitgenossen vor sich geht. Daß ich ihre äußere Häßlichkeit schaue, genügt ihnen nicht. In den fünf Minuten, die wir die Lebensstrecke miteinander gehen, soll ich auch darüber unterrichtet werden, was sie bewegt, beglückt, enttäuscht. Das, und nur das ist der Inhalt unserer Kultur: die Rapidität, mit der uns die Dummheit in ihren Wirbel zieht. Auch wir sind gerade von irgendetwas bewegt, beglückt, enttäuscht: aber hastdunichtgesehn sind wir in Melk, an der Bahre des Eder, bei der Karriere des großen Mannes. Nie würde unsereinem eine ähnliche Wirkung auf den Nebenmenschen gelingen. Ich bleibe stehen, weil die Sonne blutrot untergeht wie noch nie, und einer bittet mich um Feuer. Ich verfolge einen Gedanken, der soeben um die Straßenecke gebogen ist, und hinter mir ruft’s: „Fia-ker!“ Solange ein Heurigenwirt und ein Schuster Plakate bleiben, wäre das Leben erträglich. In Gottesnamen, prägen wir uns ihre Gesichter ein. Aber plötzlich stehen sie leibhaftig vor uns, legen die Hand auf unsere Schulter, und wir brechen zusammen wie Don Juan, wenn die Statue lebendig wird.

Der Mensch denkt, aber der Nebenmensch lenkt. Er denkt nicht einmal so viel, daß er sich denken könnte, daß ein anderer denken könnte.

Karl Kraus

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