Nicht das Herz, den Tod zu dulden, noch den Mut, das Leben zu ertragen

Nicht das Herz, den Tod zu dulden, noch den Mut, das Leben zu ertragen – ja was soll man mit dem wohl anfangen?

„Die Menschen werden nicht durch die Dinge selbst geplagt, sondern durch die Auffassung, die sie von den Dingen haben“ (Epiktet). Es wäre viel für die Erleichterung unserer menschlichen Armseligkeit gewonnen, wenn man diese Behauptung als durch und durch wahr erweisen könnte. Denn wenn die Übel nur durch unsere Auffassung auf uns wirken können, scheint es ganz in unserer Gewalt zu liegen, sie zu verachten oder als etwas Gutes aufzufassen. Wenn sich die Dinge derartig unserem Willen unterwerfen, warum lenken und wenden wir sie denn nicht zu unserem Vorteil? Wenn das, was wir Übel und Leid nennen, an sich weder Übel noch Leid ist, sondern nur unsere subjektive Auffassung ihm diese Eigenschaften beilegt, so steht es in unserer Macht, diese Eigenschaften zu ändern. Und wenn wir die freie Wahl haben und niemand uns zwingt, so sind wir sonderbare Käuze, uns für die wenigst erfreuliche Seite zu entscheiden und den Krankheiten, der Armut und der Verachtung einen bittern und schlechten Geschmack zu geben, wenn wir ihnen einen guten geben können. Wenn das Schicksal uns einfach den gleichgültigen Stoff liefert, ist es an uns, ihm die Form zu geben.

Also sehen wir einmal zu, ob sich der Satz aufrecht erhalten läßt, daß das, was wir ein Übel nennen, dies nicht an sich sei, oder wenigstens, daß, wie es auch sei, es bei uns steht, ihm einen anderen Geschmack und ein anderes Gesicht zu geben, was schließlich beides auf dasselbe hinauskäme. Wenn das ursprüngliche Wesen der Dinge, die wir fürchten, kraft dieses seines Wesens auf uns wirkte, so müßte es auch auf alle in dem gleichen Sinne wirken. Denn die Menschen sind alle einer Art und, abgesehen von einem Mehr oder Minder, mit denselben Werkzeugen und Fähigkeiten der Auffassung und des Urteils ausgerüstet. Aber die Verschiedenheit der Meinungen, die wir von jenen Dingen haben, zeigt deutlich, daß wir zu ihnen, indem wir sie auffassen, von dem unsren hinzutun: einer und der andere nimmt sie vielleicht als das, was sie sind, aber tausend andere geben ihnen in ihrer Auffassung ein neues und ganz abweichendes Wesen.

Tod, Armut und Schmerz halten wir für unsere Hauptfeinde. Nun aber nennen diesen Tod, den die einen als den schrecklichsten der Schrecken bezeichnen, andere, wie jeder weiß, den einzigen Ruhehafen in diesem Leben, das höchste Gut der Natur, die einzige Stütze unserer Freiheit, das allgemeine und stets bereite Heilmittel aller unserer Leiden. Und während die einen ihn zitternd und zagend erwarten, ertragen die andern ihn leichter als das Leben.

Die Mehrzahl der Philosophen ist absichtlich dem Tode zuvorgekommen oder hat ihn beschleunigt. Wieviel ganz gewöhnliche Menschen sehen wir zum Tode geführt werden, und nicht etwa zu einem einfachen, sondern zu einem, der durch Schande und Foltern verschärft ist, und doch zeigen sie eine solche Ruhe, die einen aus Hartnäckigkeit, die andern aus natürlicher Einfältigkeit, daß man einen Unterschied von ihrem natürlichen Wesen nicht bemerken kann. Sie ordnen ihre häuslichen Angelegenheiten, lassen ihre Freunde grüßen, singen, reden und unterhalten die gaffende Menge. Ja manche machen noch Witze oder trinken auf die Gesundheit ihrer Bekannten, wie Sokrates. Der Philosoph Pyrrhon befand sich während eines gewaltigen Sturmes zu Schiff, und um ihn her waren alle von großer Todesangst ergriffen. Da zeigte er ihnen ein Schwein, das augenscheinlich gar keine Notiz von dem Unwetter nahm, und hieß sie sich an dem ein Beispiel nehmen.

Gut, wird man mir sagen, deine Auffassung mag auf den Tod passen. Aber was sagst du zu der Armut? Was ferner zum Schmerz, den Aristippus, Hieronymus und die Mehrzahl der Weisen für das größte Übel erklärt haben? Können wir unserer Haut einreden, daß Peitschenhiebe nur kitzeln, und unserm Geschmack, daß Aloesaft Bordeauxwein sei? Pyrrhons Schwein beweist hier für uns: vorm Tode hat es wohl keine Angst, aber wenn man’s haut, schreit es und windet sich. Können wir etwas gegen das allgemein geltende Naturgesetz, daß alles, was lebt, unter der Einwirkung des Schmerzes erzittert? Selbst die Bäume scheinen unter den Streichen der Axt zu seufzen. Vom Tode kann man eigentlich gar nicht sagen, daß man ihn fühle, er ist ja nur ein vorübergehender Augenblick. Tausend Tiere, tausend Menschen sind tot, ehe sie den drohenden Tod merken. Außerdem ist das, was wir am Tode fürchten, vielmehr sein gewöhnlicher Vorläufer, der Schmerz.

Also nehmen wir einmal an, daß wir am Tode hauptsächlich den Schmerz in Betracht ziehen, wie auch die Armut nur darum zu fürchten ist, weil sie uns durch Hunger und Durst, Kälte und Hitze und Nachtwachen dem Tode in die Arme treibt. Somit haben wir es immer mit dem Schmerz zu tun.

Ich gebe nun zu, daß Schmerz das Unangenehmste ist, was uns begegnen kann, und gern gebe ich das zu, denn ich bin, wenn einer, der, der ihn haßt und ihn flieht, wenn ich auch bis jetzt, Gott sei Dank, wenig mit ihm zu tun gehabt habe. Aber es liegt doch an uns, ihn, wenn nicht zu unterdrücken, so doch durch Geduld zu vermindern, und wenn auch der Körper darunter leidet, doch unsere Seele und Vernunft in unerschütterlicher Verfassung zu bewahren. Wenn dem nicht so wäre, woher käme dann die Wertschätzung der Mannhaftigkeit, Tapferkeit, Stärke, Seelengröße, Entschlossenheit? Wie sollten sie ihre Bedeutung bewahren, wenn es keinem Schmerze zu trotzen gälte?

„Mannhaftigkeit verlangt nach Gefahr“, sagt Seneca. Wenn man nicht mehr auf der harten Erde zu schlafen, in voller Rüstung die Mittagsglut zu ertragen, Pferde- und Eselsfleisch zu essen, nicht mehr zuzusehen brauchte, wie die Ärzte an uns herumschneiden, eine Kugel zwischen den Rippen hervorholen, uns wieder zunähen, brennen und sondieren, ja wo bliebe denn da der Vorrang, den wir über den Durchschnittsmenschen erringen können? Weit entfernt, daß wir Übel und Schmerz fliehen sollen, sagen die Weisen, ist vielmehr von zwei sonst gleich guten Taten diejenige die wünschenswertere, die mit größerer Pein verbunden ist. Cicero sagt: Nicht bei Heiterkeit und Ausgelassenheit, nicht bei Lachen und Scherz, den Genossen des Leichtsinns, ist man glücklich, sondern oft gerade wenn man ernst ist durch Festigkeit und Beständigkeit. Darum war es auch unmöglich, unsere Vorfahren zu überzeugen, daß gewaltsame im wilden Spiel des Krieges gemachte Eroberungen nicht vorteilhafter wären als die, die man in aller Sicherheit durch Geschick und List macht.

Auch das muß uns des weiteren trösten, daß naturgemäß „der heftige Schmerz kurz, der langanhaltende leicht“ zu sein pflegt, wie Cicero sagt. Du wirst ihn nicht lange fühlen, wenn er zu stark ist. Dir oder sich wird er ein Ende machen, beides aber kommt auf eins heraus. Nimmst du ihn nicht hin, wird er dich hinnehmen.

„Bedenke, daß große Schmerzen mit dem Tode enden, kleine viele Unterbrechungen haben, über mittlere wir Herren sind. Drum, wenn sie uns erträglich sind, wollen wir sie tragen, wo nicht, aus dem Leben gehen wie aus einem Theaterstück, das uns nicht gefällt“, sagt Cicero.

Was uns den Schmerz so ungeduldig tragen läßt, ist, daß wir nicht daran gewöhnt sind, unsere Zufriedenheit in unserer Seele zu suchen, noch uns gänzlich auf sie verlassen, welche die einzige und erhabene Herrin unseres Zustandes ist. Der Körper kann, von dem etwas Mehr oder Weniger abgesehen, nicht von dem los, was er einmal ist. Die Seele aber kann mannigfaltige Gestalten annehmen und sich nach ihrem Zustande, wie er auch sei, den körperlichen Empfindungen und allen anderen äußerlichen Vorgängen ihre Bedeutung geben. Darum soll jeder seine Seele studieren und beobachten und die mächtigen in ihr ruhenden Hilfequellen erschließen. Von soviel tausend Gestaltungen, die ihr offen stehen, müssen wir ihr eine geben, die für unsere Ruhe und Erhaltung geeignet ist.

Aber nun wollen wir zu den Beispielen kommen, die für etwas lendenschwache Leute, wie ich bin, immer die nahrhafteste Speise bilden. Da werden wir sehen, daß es mit den Schmerzen wie mit den Edelsteinen ist, die auch ihre Farbe je nach der untergelegten Folie ändern, und daß sie nicht mehr Platz in unserem Innenleben einnehmen, als wir ihnen einräumen. Schneidet uns der Barbier beim Rasieren, so tut uns das mehr weh als zehn Degenstiche in der Hitze des Kampfes.

Zunächst die Geburtswehen, die von den Ärzten und vom lieben Gott selbst für so schmerzvoll angesehen werden und um die wir so viel Umstände machen – da gibt es Völker, die ihrer kaum achten. Von den Spartanerinnen will ich mal nicht reden. Aber die Frauen unseres schweizerischen Fußvolkes, welch andere Veränderung merkt man bei ihnen, als daß sie, hinter ihren Männern hertrottend, heute das Kind am Halse hängen haben, das sie gestern im Leib trugen? Und die Zigeunerinnen gehen an den nächsten Fluß, waschen ihre eben geborenen Kinder und nehmen selbst gleich ihre Reinigung vor. Wie viel ähnliche Beispiele von Verachtung der Schmerzen haben wir! Wozu sind die Frauen nicht alles fähig und wovor haben sie Angst, wenn nur eine Steigerung ihrer Schönheit zu erhoffen ist? Ich habe Damen Sand und Asche verschlucken und sich gradezu den Magen ruinieren sehen, um recht blaß auszusehen. Um recht schlank zu erscheinen, welche Hölle erdulden sie da nicht, eingespannt und eingeschnürt mit starken Brettern auf den Rippen, bis ihnen die Haut blutet, oder sie manchmal daran sterben! „Woraus erhellt“, wie Cicero sagt, „daß der Kummer nicht in den Dingen, sondern in unserer Auffassung liegt“. Ja, diese Auffassung spielt eine große, gewaltige und übertriebene Rolle!

Jedem geht es gut oder schlecht, je nachdem er sich damit abzufinden weiß. Nicht den man dafür hält, sondern der sich selbst dafür hält, ist wahrhaft zufrieden, und darin allein hat der Glaube Wesen und Wahrheit. Das Schicksal tut uns weder wohl noch weh; zu beidem gibt es uns nur den Stoff und den Samen, den unser Wille, mächtiger als jenes, wendet und verwendet, wie es ihm gefällt, er der einzige Herr und Meister unseres Glückes und Unglückes. Die äußeren Zutaten empfangen Duft und Farbe von unserm inneren Zustande, so wie unsere Kleider uns auch nicht etwa mit ihrer eigenen Wärme erwärmen, sondern mit unsrer eigenen, die sie zu steigern und zu erhalten vermögen. Wer einen kalten Körper damit schützte, würde denselben Erfolg für die Erhaltung der Kälte haben. Denn so konserviert man ja Schnee und Eis. Gewiß, grade wie einem Faulen die Arbeit eine Plage und dem Trunkenbold die Enthaltsamkeit vom Weine und dem Schlemmer die Einfachheit eine Qual, einem verzärtelten und trägen Menschen körperliche Übung eine Hölle, so ist es auch mit allem Übrigen. Die Dinge an sich sind weder schmerzhaft noch schwer, unsere Schwäche und Schlaffheit macht sie erst dazu. Um große und hohe Dinge zu erfassen, bedarf es einer ebenso beschaffenen Seele, sonst beurteilen wir sie nach unserer eigenen Kleinheit. Ein grades Ruder, das man ins Wasser taucht, erscheint geknickt. Es kommt nicht nur darauf an, daß man die Dinge sieht, sondern wie man sie sieht.

Nun aber, wie kommt’s, daß trotz aller Reden, welche auf alle Weise den Menschen bewegen sollen, den Tod zu verachten und den Schmerz zu tragen, wir nie jemand finden, der uns beides abnehmen möchte? Und wie kommt’s, daß von so viel Erwägungen, die doch andere überzeugt haben, sich nicht jeder die auf seinen Charakter passendste aussucht? Kann er die starke und durchgreifende Arznei nicht vertragen, die das Übel an der Wurzel anpackt, so nehme er wenigstens ein Linderungsmittel zu seiner Erleichterung: „Es gibt eine weibische und leichtfertige Auffassung der Lust nicht weniger wie der Unlust. Lassen wir uns von deren Schlaffheit und Lässigkeit widerstandslos überwältigen, so können wir keinen Bienenstich mehr ohne Geschrei aushalten. Darin steckt das ganze Geheimmis: Verstehe, dir selbst zu befehlen“ (Cicero).

Übrigens kann man damit nicht gegen die wahre Lebensweisheit aufkommen, daß man die Bitterkeit der Schmerzen und die menschliche Schwachheit übertreibt. Damit erreicht man nur, daß sie diese unwiderlegliche Antwort gibt: „Wenn es schlecht ist, in Not zu leben, so gibt’s doch keine Nötigung, in Not zu leben. Niemand ist lange elend ohne seine eigene Schuld. “ Wer aber nicht das Herz hat, den Tod zu dulden, noch den Mut, das Leben zu ertragen, wer darin weder bleiben noch daraus fliehen mag – ja was soll man mit dem wohl anfangen?

Michel de Montaigne

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