Tod eines Wortes
Nov 29th, 2007 by Rudi
Das Wort: Liebe, wie sie es sprach, hatte ein besonderes Leben. Es ist ja zwischen vieler Leute Lippen und scheinbar dasselbe, ob nun der oder jener es gebraucht, aber wie kein Menschengesicht einem zweiten gleich ist, selbst bei fast vollkommener Identität seiner Einzelzüge und ihrer Anordnung, so geben dieselben Lettern in derselben Folge doch in jedem Mund, der sie zum Wort formt, ein Verschiedenes nach Inhalt, Sinn, Bedeutung. Denn in das Wort fährt etwas von der Seele dessen, der es spricht, und mit dem Atem, der es tönen macht, wird ihm auch jener Atem höherer Ordnung eingehaucht, der im Schöpfungsakt den toten Stoff belebt. Zu welcher Art Leben, das kommt auf die “Entelechie” an, auf die geheimnisvoll bestimmende Kraft, die das Mögliche zum Wirklichen werden läßt.
Also das Wort: Liebe, wie sie die zwei Silben sagte und meinte, hatte sein besonderes Leben. Ein rundes, volles, großes Leben, das Licht verbreitete und Wärme, im kleinen Raum der Wirklichkeit sowohl wie im unendlichen der Phantasie; das dem, für den es da war, selbst Mut und Lust zum Leben ins Herz listete und dort beglückenden Glauben weckte. Woran eigentlich, das wäre schwer zu sagen. Aber jedenfalls einen Glauben, der auch als Irrglaube ein guter Glaube war und seine sprichwörtliche Fähigkeit, selig zu machen, bewährte. Heilkräfte übte das Wort an vielen Wunden, zauberisch ließ es die Nöte des Daseins zu Nichtigkeiten schrumpfen, und im Bereich seiner Strahlung kamen böse Gedanken nicht auf, verzogen sich wie Gespenster vorm Tageslicht. Es war ein Wort, das viele andere Wörter überflüssig machte. Ein reiches Wort, bei dem es die arme Seele gut hatte. Ein Wort von solcher Fülle des Inhalts, daß es unerschöpflich schien. Ein kluges Wort, das sich gegen alle noch so scharfsinnige Dialektik, die ihm zusetzen mochte, überlegen behauptete. Ein moralisches Wort, in dessen Geltungsbezirk es keine Sünde gab. Ein starkes Wort, von dem behütet der Feige das Fürchten verlernte. Ein Wort, voll von herrlichem Ernst, von herrlichem Spaß. Und scheinbar so gefeit gegen die Unentrinnbarkeit des Endes, daß sich in hypergläubigen Augenblicken zwanglos das Wörtchen “ewig” ihm verband.
Aber eines grauen Tages, selbstverständlich, begann das Wort doch zu kränkeln. Es verlor an Farbe und Gewicht. Es büßte seine Frische ein, seine Spannkraft, und, was das Schlimmste, seine unbedingte Zuversicht in sich selbst. Es zeigte bedrohliche Untertemperatur, wurde leicht müde, und, mußte es übern Berg der Verdrießlichkeiten - ach, was war das sonst für ein müheloser Spaziergang! -, ging ihm bald der Atem aus. Was fehlte ihm? Nichts als der Wille zum Leben. Bedrückend traurig mitanzusehen, wie vorzeitig es nun alterte, viel früher, als bei seiner scheinbar so kräftigen Konstitution zu erwarten gewesen war, an jenem Tag gewissermaßen um Monate.
In schonungsvoller Verhehlung besseren Wissens tat sie so, als glaubte sie an eine nur vorübergehende Schwäche des hinsiechenden Wortes. Aber sprach sie es jetzt aus, klang das schon so, als lese sie’s von einem Grabstein ab. Zuweilen versuchte das Wort noch so etwas wie Kraft und Wärme vorzutäuschen: herzzerreißend traurig sah sich das an.
Und eines Tages war es tot, das Wort, mausetot.
Mit vielen Spezereien ihres reichhaltigen Verstandes balsamierte sie es ein. Eine gute Zeit noch lag es so herum, gruselig anzuschauen mit seinem gespenstischen Anspruch auf die Fiktion der Lebendigkeit. Schließlich wurde das verschrumpelte Ding ihr und ihm gleichermaßen lästig und lächerlich, und sie verschenkten die Mumie an einen Hausierer, der mit ausgestopften Erinnerungen handelte, mit antiquarischen Leidenschaften und zerrissenen Unzertrennlichkeiten.
Aber es gibt eine Auferstehung. Und ich glaube, das Wort “Liebe” wird in ihrem begabten Mund noch einmal, oder mehreremal, lebendig werden. Wenn auch, leider, in anderer Inkarnation.
Alfred Polgar
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