Die benedeiten Stunden
Dez 28th, 2007 by Rudi
Was Wunderbares, der Grand Prix: eine der schönsten Sachen, die man sehen kann! Seit langem habe ich nicht so viele junge, im ersten Frühling auferblühte Frauen gesehen. Die Teerosen wurden plump wie Pfingstrosen neben der Weiße dieser Häute und dem Glanz dieses Haares. Es gab da Mädchen aus Sidney, die in ihrem Auge noch die Wildheit ihrer deportierten Väter bewahrt hatten. Es gab da ein Rudel kleiner mexikanischer Halbgazellen, Miustitis, schlotternd unter diesem blauen Himmel, mit Satinaugen und samtbeschatteten Lippen, die Globen der Brüste goldig wie die der indischen Göttinnen, Brüste, die den Musselin sprengen wollten und von selber zum wartenden Mund kommen. Man hatte, wenn man sie ansah, den Eindruck einer mystischen Vision, die einem Heimweh nach einer nie gesehenen Hazienda macht.
Schöne Mädchen in einer großen Landschaft, ja, das ist etwas sehr Feines. Mein alter Kollege Rubens wußte das, wenn er sein Rudel großer starkbrüstiger Weiber unter die Buchen stellte. Eine meiner Kümmernisse, Lieber, ist die Polizei. An keinem Ort dieses gelobten Frankreich darf man schöne nackte Beine vor einen Bach stellen und sie zu ihrem größten Lobe malen. Aber ich hab mir’s in den Kopf gesetzt und so, vom Hasse geleitet, der mir gegen alles Gesetz und gegen alle Hämorrhoidaner eingeboren, Winkel gefunden, wo die immer vor Schlangen ängstlichen Feldgendarmen sich nicht hintrauen, und da male ich im schönsten Lichte unter den Weiden.
Hier, lieber Freund, bin ich an den blumigen, von der Seine bespülten Ufern, wo die alte prüde Madame Deshoulières ihre Schafe anödete, indem sie ihnen ihre “Flüchtigen Poesien” vorlas. Ich bin hergekommen, um die Weinlese zu überwachen und zuzuschauen, wie die Winzer die Winzerinnen in den großen Sitzmuskel kneifen. “Das gibt unserem Wein das Bukett”, sagt unser Bürgermeister, der ein großer Mädchenreiter und Flaschenleerer dazu ist, wie es sich für einen tüchtigen Herrn aus dem Lande Gatinais auch gehört. Der Wein ist geraten. Die Körbe lasten schwer auf den Schultern der Mädchen, die ganz süperb ihre Brüste vorspringen lassen, und das Weiß der Häubchen singt in den Weinbergen unter einem Himmel von herbstlicher, gütiger Bläue. Der hübsche frische Ton der nackten Knie, welche die Winzerinnen ohne Scham zeigen und die die Strümpfe mit Blau zerfetzen. Das gibt dir ein derblustiges gallisches Schauspiel, das dir die Augen illuminiert und einem das Kleinhirn wohlig streichelt, wenn man aus der dunkeleichigen Bretagne kommt mit ihren Kreuzwegen, die den Tod beschwören.
Die Liebe der Frauen enthält wie die Büchse der Pandora alle Schmerzen des Lebens, aber sie sind eingehüllt in goldene Blätter und sind so voller Farben und Düfte, daß man nie klagen darf, die Büchse geöffnet zu haben. Die Düfte halten das Alter fern und bewahren noch in ihrem letzten auch die eingeborene Kraft. Jedes Glück macht sich bezahlt, und ich sterbe ein bißchen an diesen süßen und feinen Düften, die der schlimmen Büchse entsteigen, und trotzdem findet meine Hand, die das Alter schon zittern macht, noch die Kraft, verbotene Schlüssel zu drehen. Was ist Leben, Ruhm, Kunst! Ich gebe alles für die benedeiten Stunden, die mein Kopf in Sommernächten auf Brüsten lag, geformt unter dem Becher des Königs von Thule, nun wie dieser dahin und verschwunden…
Die Göttinnen, das waren zu- und nebeneinandergestellte Teile schöner Frauen: es gibt weder eine Venus, noch eine Viktoria. Das ist ein Artikel, den der liebe Gott nicht führt. Das Genie des großen Künstlers allein kann das auf die Beine stellen.
Die jungen Dichter, die guten Kinder, legen goldene Aureolen um die Köpfe der lieben kleinen Fräulein, was die dann sehr beim Frisieren geniert. Aber wir haben das alle gemacht! Haben wir doch die kleinen Gänschen damit geödet, daß wir von ihnen verlangten, sie sollen uns ganz große Dinge verrichten lassen! Wir hätten sie lieber bei den Brüstchen nehmen sollen als bei den Gefühlen, runder wäre das auch gewesen. Der junge Dumas hat die wahre Formel für diese Krankheiten gefunden, die unsere Generation bedrückt und geschwächt haben: “Die Frauen inspirieren große Dinge und hindern uns, sie auszuführen.” Diese gesunden Aphorismen sollten in goldenen Lettern bei allen Künstlern glänzen, und was sie schaffen, wird sich besser dabei befinden.
Félicien Rops
Viewed 163 times by 87 viewers







