Versuchen, das Gleichgewicht zu bewahren
Jan 21st, 2008 by Rudi
Drei Wochen hatte ich mit keinem Menschen gesprochen, und dadurch war meine Stimme gleichsam gehemmt, war klanglos und unhörbar geworden; denn als ich das Dienstmädchen anredete, verstand sie nicht, was ich sagte, und ich mußte es mehrmals wiederholen. Da wurde ich unruhig, empfand die Einsamkeit als einen Bannfluch, kam auf den Gedanken, daß die Menschen nicht mit mir umgehen wollten, weil ich sie verworfen hatte. So ging ich abends aus. Ich setzte mich in eine Straßenbahn, nur um zu fühlen, daß ich mit anderen im selben Raum weilte. Ich versuchte ihre Blicke zu deuten, ob sie mich haßten, fand aber nur Gleichgültigkeit. Ich hörte ihren Gesprächen zu, als ob ich in einer Gesellschaft wäre und das Recht hätte, an ihrer Unterhaltung wenigstens als Zuhörer teilzunehmen. Als es eng wurde, war es mir angenehm, mit dem Ellenbogen mit einem menschlichen Wesen in Berührung zu kommen. Ich habe nie die Menschen gehaßt, im Gegenteil, aber ich habe sie von Geburt an gefürchtet. Meine Neigung zur Geselligkeit war so groß, daß ich mit jedwedem verkehren konnte, und ich habe früher die Einsamkeit als eine Strafe aufgefaßt, was sie wohl auch sein mag. Denn ich habe Freunde gefragt, die im Gefängnis gesessen haben, worin eigentlich die Strafe bestehe, und sie alle haben geantwortet: “Im Alleinsein”.
Diesmal habe ich zwar die Einsamkeit gesucht, aber unter dem stillen Vorbehalt, daß mir die Möglichkeit bliebe, meine Bekannten selbst aufzusuchen, wenn ich Lust dazu spürte. Warum tue ich es nicht? Ich kann es nicht; denn ich komme mir vor wie ein Bettler, wenn ich die Treppe hinaufsteige, und kehre beim Klingelzug wieder um. Wenn ich dann heimkomme, bin ich zufrieden, besonders wenn ich mir vorstelle, was ich zu hören bekommen hätte, wenn ich in die Wohnung hineingekommen wäre. Da meine Gedanken nicht übereinstimmen mit denen irgendeines anderen Menschen, verletzt mich fast alles, was man sagt, und ein unschuldiges Wort kann ich oft als Verhöhnung empfinden.
Ich glaube, es ist mein Schicksal, daß ich einsam sein soll, und es ist zu meinem Besten; ich möchte es glauben, da das Ganze sonst allzu unerträglich wäre. In der Einsamkeit kommt es zuweilen zu einer Überlastung des Gehirns, es droht zu explodieren; darum muß man vorsichtig sein. Ich versuche also das Gleichgewicht zu bewahren zwischen Aufnahme und Ausgabe, ich muß jeden Tag für Ablauf sorgen durch Schreiben und für neuen Empfang durch Lesen. Schreibe ich den ganzen Tag, so entsteht am Abend eine verzweifelte Leere, mich befällt die Gefahr, ich hätte nichts mehr zu sagen und wäre am Ende. Lese ich den ganzen Tag, so bin ich so übervoll, daß es mich zu sprengen droht.
Ferner muß ich die Zeiten des Schlafens und Wachens abstimmen. Zu viel Schlaf ermüdet auf eine quälende Weise, zu wenig Schlaf reizt bis zur Hysterie.
August Strindberg
Viewed 174 times by 85 viewers







