Für eine neue Lebenskunst : Du sollst nicht funktionieren

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Alles scheint möglich. Fast alles. Ebendeshalb lohnt es sich, sehr genau über den Unterschied zwischen dem Machbaren und dem Wünschbaren nachzudenken. In welcher Welt wollen wir leben? Was wollen wir unseren Kindern zeigen? Was heißt es, ein gutes Leben zu führen? – Ariadne von Schirach

Die Philosophin Ariadne von Schirach hat ein neues Buch geschrieben: „Du sollst nicht funktionieren: Für eine neue Lebenskunst“. Liegt ganz auf meiner Linie, denn ich bin ein Alt-68er und funktioniere seit Jahrzehnten nicht im Sinne der bürgerlichen Gesellschaft. Ich habe einfach zuviel Phantasie, um mich wie ein Chamäleon immer nur den jeweils herrschenden Verhältnissen anzupassen. Widerstand tut not, Mut tut gut! Anders ist die eigene Individualität, Identität & Persönlichkeit nicht zu retten vor den permanenten Attacken von Konsum & Kapital.

Ariadne von Schirach – Du sollst nicht funktionieren – Buchpremiere

Keine einfachen Zeiten für Lebenskünstler: Marktgesetze allerorten, der Profit steht über allem, wir erleben eine Ökonomisierung bis in die intimsten Lebensbereiche hinein. Da ist Widerstand gefragt! – WDR 5

Berechnung, Eigennutz, Konkurrenz bestimmen das Leben, so sagt Ariadne von Schirach. Und was tut der Einzelne? Er verfällt dem Optimierungswahn – auch am eigenen Ich. „Asketokratie“ nennt von Schirach das. Die Ökonomie frisst sich durch alle Bereiche des Lebens. Und sie frisst auch uns selbst. Das ist nichts wirklich Neues. Doch wenn wir das alles wissen, weshalb tun wir dann nichts dagegen? Eine große Lethargie hat uns befallen, so von Schirach. Doch wenn sich niemand wehrt, könnte das in den Abgrund führen. – 3Sat

Aber jedenfalls ringt Ariadne von Schirach so ein paar Feinde des guten Lebens nieder, die noch viel nervenzehrender sind, als alte Griechen es sein könnten: die narzisstische Dauerumzingelung des eigenen Ich, die alle Energie frisst, die man doch brauchen könnte, um etwas riskanter zu leben; die Knochenarbeit am Hübschaussehen, die doch nichts daran ändert, dass Körper immer irgendwo tropfen; das globale Überbeschäftigtsein, das einen so gejagt wichtig macht, dass man den Namen der Nachbarin nicht kennt und flach wird wie der eigene Bildschirm, mit dem man ungestört einsam ist. – ZEIT

Wir überantworten Coaches die Sorge um unser privates Glück und den beruflichen Erfolg. Wir benutzen Self-Tracker, die unsere körperlichen Aktivitäten messen und bewerten. Wir dopen uns mit Ritalin, um unsere Leistungsfähigkeit zu steigern. Kaum jemand isst einfach das, was ihm schmeckt. Es wimmelt nur so von Vegetariern und Veganern, von Leuten, die Weizen oder Zucker vermeiden. In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Zahl der Mitglieder in Fitnessstudios fast verdoppelt. Die Deutsche Gesellschaft der Plastischen, Rekonstruktiven und Ästhetischen Chirurgen meldet, dass sich im gleichen Zeitraum die Anwendung von Botox mehr als vervierfacht habe. – Spiegel

Soweit die anderen. Hören wir jetzt Ariadne von Schirach selbst. Über den Facebook-Exhibitionismus und den Irrsinn der Likes. I like it – also bin ich! Wirklich?

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Wir leben in einer Gesellschaft, deren heimlicher Leitspruch immer mehr zu lauten scheint: Schau! Mich! An! Wir kucken ja schon. Was Informatiker Aram so gegessen hat. Wie der neue Nagellack von Friseurin Hanna aussieht. Wo Neu-BWLer Georgi sein Seminar gehabt hat. Wir schauen und liken und kommentieren, und dafür geht dann der Rest unserer Zeit drauf, die sowieso immer knapper wird vor lauter Arbeit an sich selbst.

Bilder sind wertlos ohne einen, der zu erkennen gibt, dass er sie wahrnimmt. Die ausgefeilteste Selbsterzählung ist unbrauchbar ohne einen, der sie sich anhört. Die schönste Tasche, der fescheste Schnürschuh, die Limited Edition Retro Sneakers sind einen feuchten Pfifferling wert ohne einen, dem auffällt, was für ’ne abgefahren coole Sau da gerade vor ihm steht.

Likes sind besser als Klicks, und Menschenaufmerksamkeit gehört zu den wertvollsten Wirtschaftsgütern des 21. Jahrhunderts. Und zugleich zu dem, was jeder einzelne kleine Narzisst immer lauter einzufordern versteht.

Die Straßen der großen Städte sind voll von lebenden Bildern, die auf Blicke lauern und Blicke fordern, wie sich die Pinnwände der sozialen Netzwerke mit Fotos bevölkern, die geliked werden wollen oder kommentiert. Man wartet gierig auf das Feedback der Peergroup oder einer imaginären Netzöffentlichkeit. Und so erhält man seinen Wert, den man so lautstark und kräftig propagiert hat, nur durch andere. Er wird dadurch relativ. Irgendwie gleicht man einem Nutztier, das sich freiwillig auf den Marktplatz stellt und brav ausharrt, bis jemand kommt und das Gebiss lobt, den Hintern tätschelt und wohlmeinende Worte über den Zustand des Fells verliert. Aber halt – man ist ja nicht alleine. Es wimmelt von anderen Tieren, eines lauter, bunter und einzigartiger als das andere. Da muss man echt was Cooles bringen. Jeden Tag aufs Neue. Denn neben aller unreflektierten Abhängigkeit sind knallharte und messerscharfe Konkurrenz das Ergebnis aller Sichtbarkeit.

Oder über die hoffnungslos flachen Fitness-Fetischisten.

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Der ideale Körper unserer Tage ist, wenn auch hübsch anzusehen auf Bildern oder im Fernsehen, sehr zeitraubend. Vielmehr: Sein Erwerb und sein Erhalt bündeln ungeheure Anstrengungen und Kräfte, die dann anderswo fehlen. Es lohnt sich, darüber nachzudenken, wo genau sie denn fehlen.

Alle Arten von innerem Reichtum, ob Bildung, Humor oder Fantasie, brauchen Aufmerksamkeit und Übung, um zu gedeihen. Wenn man dem Inneren und seiner Tiefe ebendiese Aufmerksamkeit entzieht, um sich ausschließlich dem Äußeren und seiner Wirkung zu widmen, ist es kein Wunder, dass alles zugleich immer besser aussieht und sich immer schrecklicher anfühlt.

Madonna. Über sie sagte ihr Ex-Ehemann, der britische Regisseur Guy Ritchie, neben ihr zu liegen sei, wie neben einem Knorpel zu schlafen. Nur damit mal klar ist, wo die Reise hinführt und was man zu erwarten hat nach 15, 20 verbissenen Jahren.

Der eigene Leib muss es nicht nur mit den echten Körpern auf der Straße und im Fitnessstudio und mit der ins Unendliche angewachsenen Anzahl an virtuellen Vergleichskörpern aufnehmen, sondern auch mit den digital retuschierten. Die Retusche ist ein gewaltsamer Akt, eine fast militärische Operation, die alle Pixel auf Linie bringt.

In den 90ern hat das Model Cindy Crawford wenigstens noch verlauten lassen, auch sie sehe nicht jeden Morgen aus wie Cindy Crawford. Dieser Trost ist vorbei. Heute regiert Heidi Klum, der Klumbot, deren einzige Leistung darin besteht, unter allen Umständen gut auszusehen. Wie es wohl wäre, sich mit ihr zu unterhalten? Gruselig.

Der Körperkult als Fest der Oberfläche ist nur ein Beispiel für die Reduktion des Lebens auf das Allerkonkreteste. Er ist Teil einer ökonomisch geprägten Weltsicht, die den Wert des Menschen mit seiner Leistungsfähigkeit gleichsetzt und Selbstdisziplin für die größte aller Tugenden hält. Doch das reicht nicht aus, um das Leben mit Sinn zu füllen. So ein dürrer Körper ist doch unendlich banal und markiert den Punkt, an dem selbst die Worte verschwinden, weil es nichts zu sagen gibt außer: Alles so schön straff hier.

Es ist an der Zeit, uns daran zu erinnern, was es heißt, ein Mensch zu sein, und worin die Würde unseres Lebens, unserer Kultur und unserer Körper liegt. Doch wie wird der bewirtschaftete Körper wieder zum bewohnten? Wie den Blick wieder auf das richten, was wesentlich ist? Wie wegkommen von dem Glitzer und dem Plastik und dem unendlichen Spaß?

Der Körper verbindet uns mit der Natur, weil er uns ihren Gesetzen unterwirft – das Leben vollzieht sich an ihm, da kann man noch so viel optimieren. Der Körper wird sich verändern, er wird altern, seine Form verlieren, auf den Händen werden braune Flecken erscheinen, die Knochen werden brüchig und die Organe langsam. Irgendwann wird er endgültig den Dienst versagen und wir werden sterben. Doch zugleich ist der Körper der Ort unserer Lebendigkeit und die Quelle aller sinnlichen Freuden. Anfang allen Genießens ist ein entspanntes Verhältnis zu seiner eigenen Leiblichkeit.

Der Körper ist der Zeuge unseres Lebens. Und er hat ein gutes Gedächtnis. Lange ist er verschwiegener Verbündeter, doch irgendwann verrät er, was man ihm angetan hat, und dann hat man plötzlich Diabetes oder eine seltsame Schilddrüsenfehlfunktion und merkt, wer hier eigentlich Herr im Haus ist.

Ariadne von Schirach

Und wenn Sie beim Schmökern gerne gute Musik hören, Bluesdiary hat den Soundtrack dazu.

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