Natan Dubowizki – Nahe Null – Gangsta Fiction

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Wem Gangland gefallen hat, dem wird auch Nahe Null gefallen. Allerdings kommt Nahe Null weniger ernsthaft, sondern eher kurios, bizarr & überdreht daher, so wie ein Film von Quentin Tarantino. Ein köstlicher Lesespaß, weit unter Null, unterirdisch gut eben.

Dieses Milieu aus Verbrechen und Korruption, Mafia und Politik, Kultur und Terrorismus, in dem Jegor sich bewegt, beschreibt Natan Dubowizki meisterhaft. Er tut es mit kaltem Zynismus, der immer wieder zur satirischen Überzeichnung, zur Groteske hin strebt und damit auch voller Humor ist. Scham- und schonungslos wird in eine Parallelwelt hineingeleuchtet, die zugleich auch die eigentliche Welt ist. Denn dieser Filz aus Politik, Mafia und Schattenwirtschaft ist es letzten Endes, in dem die Geschicke der ganzen Gesellschaft bestimmt werden. – DR Kultur

Dubowizki vereint in seinen Figuren all jene Charaktereigenschaften und Fehlentwicklungen, die er als düstere Seite des postkommunistischen Russlands identifiziert: Korruption, Vetternwirtschaft, organisierte Kriminalität, der Handel mit Ämtern und Posten, eine bestechliche Justiz. Doch Dubowizki seziert nicht nur die Eliten, die Verbrechen der Reichen und Mächtigen. In Dubowizkis Roman ist das Volk schlicht und einfach nicht weniger verdorben und selbstsüchtig als die Machthaber. – Arvelle Magazin

Stilpröbchen:

Nach Jegors Trennung von Plaksa hatte Chief ihm Sarah zu Ostern geschenkt. Mit einer Gebrauchsanleitung: »Für einsame Männer. Von einer Gummipuppe unterscheidet sie sich nur durch einen einzigen, aber wesentlichen Vorteil: Sie ist nicht aus Gummi. Verlangt kein Essen, nervt nicht mit Gesprächen. In der Unterhaltung – Tanken, kleine Reparaturen, Waschen – nicht teurer als ein Ford. Enjoy!« Sarah war in der Tat sehr praktisch. Kompakt und leicht zu bedienen. Ihr Gedächtnis fasste nicht viel, aber es reichte für sämtliche Stellungen des Kamasutra, ein paar russische Wörter und drei Dutzend populäre Melodien. Die Bedienung erfolgte über ein simples sensorisches System. Durch eine leichte Berührung der rechten Schulter, egal womit, wurde sie augenblicklich in den Modus sexueller Erregung versetzt. Bei der Liebesausübung funktionierte sie tadellos, war noch kein einziges Mal weggetreten oder ausgefallen. Nach dem Sex kehrte sie automatisch in den Stand-by-Betrieb zurück, bei Bedarf auch vorher – durch eine Berührung der linken Schulter. Dann schwieg sie stundenlang wie ein ausgeschalteter Player oder sprach einsilbig, sparsam und ökologisch. Sie verschwand bei der ersten Aufforderung und kam ebenso wieder. Nur einmal war sie kaputt, hatte einen Schnupfen, war aber nach drei Tagen wieder heil. Und funktionierte wieder tadellos, wollte nicht geheiratet werden und machte keine Szenen. Kurz – made in USA, Preis-Leistungs-Verhältnis auf höchstem Niveau.

»Liebst du mich?«, fragte sie, schon über die Schwelle.
»Nein«, sagte er. »Aber irgendwer irgendwo liebt dich ganz bestimmt und wartet auf dich. Sei also nicht traurig.«
»Jemand wie Jesus?«
»So in der Art… Tschüs! Betrüg mich nicht… Ein Scherz.«
»Fack ju werri matsch«, sagte Sarah mit russischem Akzent und schlüpfte mit einem gleichgültigen Lachen hinaus in die schwarze Stadt.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: hier geht es nicht nur um absurde Komik und unteririschen Humor wie oben, es geht auch um unterirdisch ernsthafte und tiefschürfende Gedanken wie diese hier:

Damals habe ich aus der Kindheit heraus durch die Fülle des Lebens hindurch auch den Tod gesehen. Er kreiste wie ein schleimiger, flinker, gieriger Komet hoch über allem. Strömte Finsternis aus und machte mich auf hundert Jahre im Voraus sinnlos. Ich war klein, ahnte aber seltsamerweise sofort: Wie sehr ich meinen Körper auch anspannen und meine Seele bereichern, welche Schätze ich in meinem Herzen auch anhäufen würde – am Ende würde alles ihm zufallen.

Es schien mir seltsam, dass die Menschen nicht Familie, Arbeit, Angeln, Theater, Bücher, Krieg und Liebe, all diesen Unfug sein ließen und sich nicht unverzüglich an die Ausarbeitung eines Plans zur Überwindung des Todes machten. Und wenn das unmöglich war – an die kollektive Ausführung der Euthanasie. Aber die Menschen sprachen im Gegenteil nur ungern über diese Dinge und stürzten sich seelenruhig in den abstumpfenden Kampf gegeneinander. Häuften belanglose Angelegenheiten und hohle Aktivitäten auf. Und Berge geschändeter Körper.

Vielleicht nimmt sich jede neue Generation nur deshalb vor, die Welt umzumodeln und anders  zu leben als die Väter, um zum Licht zu gelangen, um nicht wie sie in die  Finsternis zu gehen. Geh nicht den Weg, den alle gehen, denn dort bist du garantiert verloren. Geh den Weg, den kaum jemand geht oder gar niemand – wer weiß, vielleicht bringt er dich dorthin, wo es keine Zeit mehr gibt. Wo immer Licht herrscht.

Nahe Null

Und wenn Sie beim Schmökern gerne gute Musik hören, Bluesdiary hat den Soundtrack dazu.

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Amy LaVere – Time Is A Train

Best Blues @ Bluesdiary

When you’re in trouble, the Blues is the man’s best friend.
Otis Spann

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The Blues is the roots and the rest are the fruits.
Willie Dixon

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