Warum wir weniger brauchen als wir haben sagt uns Jörg Schindler

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„Stadt – Land – Überfluss: Warum wir weniger brauchen als wir haben“ sagt uns der Journalist Jörg Schindler in seinem neuen Buch, das Sie sich unter den Weihnachtsbaum legen sollten, damit Sie ein paar gute Vorsätze fürs neue Jahr haben…

Diese Gesellschaft ist insofern obszön, als sie einen erstickenden Überfluss an Waren produziert und schamlos zur Schau stellt, während sie draußen ihre Opfer der Lebenschancen beraubt; obszön, weil sie sich und ihre Mülleimer vollstopft, während sie die kärglichen Lebensmittel in den Gebieten ihrer Aggression vergiftet und niederbrennt; obszön in den Worten und dem Lächeln der Politiker und Unterhalter; in ihren Gebeten, ihrer Ignoranz und in der Weisheit ihrer gehüteten Intellektuellen. – Herbert Marcuse

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Jörg Schindler, geboren 1968 in Darmstadt, studierte Germanistik, Anglistik und Soziologie in Frankfurt am Main und Edinburgh. Er war Nachrichtenredakteur und Reporter bei der »Frankfurter Rundschau«, seit 2012 arbeitet er beim Nachrichtenmagazin »Der Spiegel«. Jörg Schindler wurde 2009 zusammen mit seinem Kollegen Matthias Thieme mit dem Wächterpreis für investigativen Journalismus ausgezeichnet und erhielt 2014 mit mehreren SPIEGEL-Redakteuren den Henri Nannen Preis für die beste investigative Leistung für Beiträge zur NSA-Affäre.

IMMER MEHR, IMMMER BESSER, IMMER SCHNELLER?
Es geht auch anders: Da ist der ehemalige Bankdirektor, der jetzt Suchtkranke betreut und plötzlich wieder Zeit hat. Die Designerin, die keine Lust mehr hat auf Dinge, die die Welt nicht braucht und jetzt nicht normgerechtes Gemüse vor dem Abfall rettet. Da ist der Fußballverein, der sich nicht ausverkauft und trotzdem erfolgreich ist. Jörg Schindler erzählt von Menschen, denen es nicht um Profit geht, deren Ziel nicht Wachstum um jeden Preis ist. Was sie verbindet, ist keineswegs purer Verzicht oder weltabgewandtes Aussteigertum. Durch ein bewusstes Weniger ergibt sich ein Gewinn an Lebensqualität, mehr Zeit und Zufriedenheit. Schindlers spannende Geschichten aus unserem Land des Überflusses sind Anstiftungen zum Umdenken: die Gesellschaftsdebatte zum Konsum- und Wachstumswahn . *** Dieses Buch macht Lust auf weniger – und ist deshalb ein Gewinn! *** – Klappentext

Was Jörg Schindler uns zu sagen hat:

Im Schnitt besitzt jeder von uns inzwischen 10 000 Dinge. Das ist schön. Nur: Die Hälfte davon liegt, einmal angeschafft, ungenutzt und unbeguckt in der Gegend herum. Dinge, die nicht gebraucht werden, aber Platz brauchen. Weshalb auch unsere Wohnungen seit Jahrzehnten größer werden und damit  teurer. Weshalb wir wiederum mehr arbeiten müssen, damit wir sie uns leisten können.

Michael Gerling, Hauptgeschäftsführer beim Bundesverband des deutschen Lebensmittelhandels, bringt die Sache auf den Punkt: „Wenn wir historisch zurückblicken in die 1960er Jahre, da mussten wir hungrige Menschen satt machen. Heute leben wir im Überfluss und müssen satte Menschen hungrig machen.“

Die Verführungskunst der Konzerne strebt so allmählich der Vollendung entgegen: Anfang 2013 meldete das Verbraucherschutzministerium, dass 67 Prozent der deutschen Männer und 53 Prozent der deutschen Frauen übergewichtig sind. Jedes fünfte Kind gilt mittlerweile als dick, das sind 50 Prozent mehr als noch in den 1990er Jahren. 6,3 Prozent der Jungen und Mädchen sind gar fettleibig. Tendenz stark steigend. Die Deutschen sind damit die dicksten Europäer und das viertdickste Volk der Welt.

Dass wir unsere Gewohnheiten nicht einmal dann ändern, wenn uns selbst ernsthafte gesundheitliche Konsequenzen drohen, wird beim Thema Fleischkonsum überdeutlich. Seit Jahren warnen Ärzte und Gesundheitsorganisationen, dass der Fleischhunger der Deutschen jedes vernünftige Maß überschreitet. Im Laufe seines Lebens vertilgt der Durchschnittsdeutsche aktuell je vier Rinder und Schafe, zwölf Gänse, 37 Enten, je 46 Schweine und Puten sowie 945 Hühner. Macht summa summarum 1094 Tiere oder anders gerechnet 61 Kilogramm Fleisch im Jahr – das ist viermal mehr als Mitte des 19. Jahrhunderts.

In einer anderen Untersuchung, diesmal für die Frauenzeitschrift Petra, wurden 1000 Frauen gefragt, ob sie zehn Punkte ihres Intelligenzquotienten opfern würden, wenn sie dafür einen Schönheitsmakel ausgleichen könnten. Fast drei Viertel der Befragten antworteten mit Ja. Nirgendwo sonst auf der Welt haben Frauen – und eine wachsende Anzahl von Männern – ein derart gestörtes Selbstbild. Die Psychoanalytikerin Susie Orbach bringt es auf den Punkt: »Körperhass ist ein westlicher Exportschlager«.

Und weil das so ist, überschreiten von Jahr zu Jahr mehr Menschen die Hemmschwelle vom bloßen Fitness- und Kosmetik-Tuning hin zur operativen Selbstoptimierung. Ein gigantischer Wachstumsmarkt auch das: 120 bis 1000 Euro für ein scheinbar faltenfreies Gesicht, 2000 bis 10000 Euro für einen um diverse Fettwulste bereinigten Bauch, 5000 bis 5000 bis 8000 Euro für einen Busen der Körbchengröße C oder auch D – Gewünschtes bitte ankreuzen. Eine halbe Million Schönheitsoperationen wurden 2012 allein in Deutschland durchgeführt, Botoxspritzen nicht mitgerechnet. Fünf Jahre zuvor waren es noch nicht einmal halb so viele.

Amerikaweit treffen sich immer häufiger Frauen zu so genannten Pumping Partys, um sich kollektiv mit Billig-Silikon aus dem Baumarkt vollspritzen zu lassen.

50.000 Medikamente überschwemmen derzeit etwa Deutschland, obwohl Gesundheitsexperten davon ausgehen, dass 1500 zuverlässige Präparate mehr als ausreichend wären – Hausärzte würden gar mit 150 problemlos auskommen. Aber von irgendetwas müssen ja auch die Pillendreher leben, die längst dazu übergegangen sind, auch die hartgesottensten Pferdenaturen trickreich zu pathologisieren. Wechseljahre beim Mann, Cellulite bei der Frau: Was früher irgendwie normal war, gilt nun als Krankheit und muss behandelt werden.

Um ihre Pillen an den Patienten zu bringen, pumpt die Industrie zudem Jahr für Jahr horrende Beträge in die Überzeugungsarbeit von Ärzten. Die werden regelmäßig zu Kongressen in Fünf-Sterne-Hotels mit Rundum-Service geladen, bekommen großzügige Fördermittel für Studien, die die Welt nicht braucht, und regelmäßig Besuch von Kofferträgern, die anschließend Gratis-»Proben« ihrer neuesten Errungenschaften und das ein oder andere Geschenk in der Praxis zurücklassen.

Neugierig geworden? Dann kaufen Sie sein Buch, Sie werden es nicht bereuen. Auch diese drei Artikel von mir bewahren Sie möglicherweise vor unnötigen Ausgaben für unnütze Dinge:

Jörg Schindler

Das Buch „Stadt, Land, Überfluss“ liest sich flott weg. Und man möchte immer wieder zwischendurch Ausrufezeichen an den Rand malen. Denn Schindler gelingt es, unserer Gesellschaft des „Viel-zu-vielen“ den Spiegel vorzuhalten, sie zu ertappen. Allerdings hat auch er keine überzeugende Idee, wie die Sucht nach immer Mehr und immer Neuem zu heilen ist. – NDR

Und wenn Sie beim Schmökern, Shoppen oder Sparen gerne gute Musik hören, Bluesdiary hat den Soundtrack dazu.

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Debbie Davies & Kenny Neal – Money

Best Blues @ Bluesdiary

When you’re in trouble, the Blues is the man’s best friend.
Otis Spann

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The Blues is the roots and the rest are the fruits.
Willie Dixon

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