Mittelstadtrauschen – Roman von Margarita Kinstner

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Mittelstadtrauschen hatte Joe es genannt.
Die Menschen rauschen an dir vorbei, 
und die meisten
von ihnen erkennst du schon morgen nicht wieder.

Kaum zu glauben, daß es sich bei diesem tragikomischen Liebesroman um ein Debüt handelt. Wenn der erste Roman von Margarita Kinstner schon so gut ist, dann darf man dem zweiten wohl entgegenfiebern…

Margarita Kinstner liest aus „Mittelstadtrauschen“

Als Marie im Café stolpert und einen Kaffee umstößt, lernt sie nicht nur Jakob kennen, sondern setzt damit auch eine Reihe von Geschichten in Gang. Jakob verliebt sich in Marie und trennt sich von seiner Freundin Sonja, die bald darauf jemand anderen trifft: Gery. Er war der beste Freund von Joe – der früher mit Marie zusammen war und sich mit einem spektakulären Sprung in den Donaukanal das Leben genommen hat. Ein mysteriöses Testament taucht auf, das im Prater verlesen werden soll – in Anwesenheit von Gery und Marie. Ein Debüt aus Österreich, eine Liebesgeschichte, märchenhaft und modern zugleich, ein Roman über Einsamkeit, Freundschaft, Sehnsucht und Liebe – in Wien, der „Stadt der Seele“. – Verlagsinfo

Mittelstadtrauschen – Buchbesprechung im WDR

Immer wieder lacht man als Leser auf, ist aber ebenso oft berührt: Besonders jene Passagen, die sich um die Alten drehen, gehen nah: Wenn die achtzigjährige Hedi das Essen nicht anrührt, aus Angst, Durchfall zu bekommen. Wenn Maries dementer Vater glaubt, mit seiner verstorbenen Frau in Sizilien zu sein. Auch die Fragen und Gedanken der Protagonisten zum Thema Liebe regen immer wieder zum Nachdenken und Innehalten an. Die Lebensgeschichten der Figuren machen Lust auf mehr, sodass man das Buch ungern weglegen möchte. – Literaturhaus Wien

Wir wachen auf neben Menschen, die wir nicht mehr lieben, vielleicht sogar nie geliebt haben. Das wird auch morgen noch so sein, weil wir mehr Angst vor dem Alleinsein haben als vor dem Unglücklichsein. Wir reden mit Menschen, verbringen Zeit mit ihnen, aber Freunde sind das eher selten, vielmehr flüchtige Bekannte, die zufällig gerade neben uns sitzen. Der tägliche Gang zur Arbeit, der mit Berufung schon lange nichts mehr zu tun hat. Die Familie, zu der wir uns irgendwie zugehörig fühlen sollten, die uns tatsächlich aber fremd ist, weil wir uns das Leben anders vorgestellt haben, nicht ehrlich sein können, einander nicht lieben können, nur weil wir verwandt sind. Verpassten Gelegenheiten trauern wir hinterher, anstatt uns auf das Jetzt zu konzentrieren. Wir belügen und betrügen – am meisten uns selbst. Ergeben uns in unser Schicksal, jagen dem Glück nicht mehr hinterher, haben den Glauben an die große Liebe längst verloren. Haben uns nichts mehr zu sagen, weil ja doch keiner zuhört. Ist das noch Leben, oder nur noch „Luftholen, vom Aufsteh’n bis zum Schlafengeh’n“? Vor dieser Frage stehen auch die Figuren in Margarita Kinstners DebütromanMittelstadtrauschen. – Literatur & Feuilleton

Ich war derart verzaubert von der einzigartigen Sprache der Autorin, dass ich manche Romanabschnitte doppelt lesen musste. Dabei greift Margarita Kinstner nicht auf bekannte Formulierungen zurück, sondern kreiert völlig neue und berauschende Bilder. Als Beispiel kann „Draußen werfen Männer ihr dumpfes Lachen gegen Häuserwände und fangen es wieder auf“ genannt werden. Vom ersten Satz an unterliegt der Leser dem ganz eigenen Ton der Autorin, dem er sich einfach nicht entziehen kann, ein Ton, der Nichts mit einfacher Prosa zu tun hat, sondern für mich das darstellt, was man „literarische Kreativität“ nennt. Insgesamt kann ich den Roman Mittelstadtrauschen, der obendrein ein Debütroman ist, nur loben und habe rein Garnichts daran auszusetzen. Ein geschickt erdachter Plot, der durch seine Tiefe überzeugt und nicht zuletzt durch eine Erzählstimme, die ich so noch nie gelesen habe und von der ich mir unbedingt mehr wünsche! – Literatur-Diskussion

Entrückte Formulierungen und faszinierend schöne Vergleiche ziehen den Leser in den Bann. Sachlich nüchtern und blumig ausgeschmückt fügt die Autorin den Dingen neue Bedeutungsschichten hinzu. Kinstner beobachtet und beschreibt sehr genau, bietet viel zum Nachdenken und Nachfühlen. „Ein Kasperltheater, wie das Leben!“ – Wiener Zeitung

Drei Appetithäppchen, die hoffentlich Lust auf mehr machen:

Marie sitzt in eine Decke gekuschelt auf dem Sofa, in der Heizungsluft ein Duft nach Orangen und Vanille. Wie schön ist es doch, zu wissen, dass es jemanden gibt, der einen heute noch in den Arm nehmen wird. Für die brennende, alles verzehrende Liebe gibt es eine Zeit, wie für alles andere auch, aber diese Zeit hat ein Ablaufdatum. Man braucht sich nur Romeo und Julia als Überlebende vorzustellen, Tybalt frisch und munter als Trauzeuge. Fünf Jahre später ist das Lagerfeuer im Bauch dahin, schreien die Kinder und rasen durchs Wohnzimmer, legt der ewig mürrische Romeo die Beine hoch, starrt in die Zeitung und fragt, was es zu essen gibt. Das hat man von der großen Liebe.

Ja, jeder Mensch braucht ein wenig Zweisamkeit, und an den Tagen, an denen der Schnee schmilzt und graubraunen Matsch zurücklässt, an denen der kalte Jännerwind an den Hauben zerrt und die Finger steif werden lässt, braucht er sie sogar noch mehr als in den warmen Sommermonaten. Man sagt, die Liebe erblühet im Frühling, doch das stimmt nicht, der Winter ist es, der die Menschen einander in die Arme treibt. Wie ein riesiger Magnet lenkt er die einsamen Herzen zueinander, die Partnerbörsen florieren, und auch die Gewölbe der Innenstadtlokale bersten vor hungrigem Menschenfleisch auf der Suche nach Wärme.

Vorhin hat er sich wieder an sie geschmiegt. Hat seinen Schwanz gegen ihren Po gepresst, zwischen ihre Oberschenkel. Hat zugestoßen, obwohl sie sich schlafend gestellt hat. Ihr ins Ohr gekeucht. Früher hat sie das erregt, heute hat sie sich vergewaltigt gefühlt. Und dann ist es ihr herausgerutscht. »Du, das hat keinen Sinn mehr.« Die Worte sind am Fenster abgeprallt und zurück aufs Bett gesprungen, wie ein Squashball, der mit aller Kraft gegen die Wand geschlagen wird. Jetzt steht sie in der Küche und denkt: Ich darf jetzt keinen Rückzieher mehr machen, sonst hört das nie auf. Sie geht wieder ins Schlafzimmer, in den Händen balanciert sie die Tassen. Sie drückt eine Jakob in die Hand und setzt sich neben ihn. Sieht ihm zu, wie er die Wand anstarrt. Ob auch er den Weg des Sprunges in der Mauer verfolgt, so wie sie es oft tut, wenn sie allein im Bett liegt?
»Es gibt keinen richtigen Zeitpunkt, eine Beziehung zu beenden«, sagt sie. »Für den, der nicht damit rechnet, kommt es immer überraschend.«
»Aber es war doch alles gut zwischen uns«, sagt er.

War, aber es ist eben längst nicht mehr gut zwischen den beiden. Und: sagt er. Männer merken’s einfach nie, daß es längst vorbei ist, oder sie wollen’s einfach nicht wissen. Es ist fast immer die Frau, die den Mann verläßt, nur ganz selten ist es umgekehrt. Das jedenfalls ist auch meine Erfahrung als Psychologe. Und Ihre?

Margarita Kinstner

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Ich glaube, alles im Leben ist wichtig. Der schlimmste Verlust wäre, nicht bei dieser großen Party dabei gewesen zu sein. Ein befreundeter Priester erzählte mir einmal von den Erfahrungen, die er am Sterbebett vieler seiner Gemeindemitglieder gemacht hat. Es waren nicht ihre Sünden, die sie bereuten, sondern das, was sie im Leben verpasst hatten. – James Lee Burke

Und wenn Sie beim Schmökern gerne gute Musik hören, Bluesdiary hat den Soundtrack dazu.

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Eric Burdon – Devil and Jesus

Best Blues @ Bluesdiary

When you’re in trouble, the Blues is the man’s best friend.
Otis Spann

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The Blues is the roots and the rest are the fruits.
Willie Dixon

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