Wider die Natur – Liebesroman von Tomas Espedal

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Wider die Natur

soll es sein, wenn ein Mann eine Frau liebt, die seine Tochter sein könnte? Dem kann ich absolut nicht zustimmen, ich war in meinem Leben meistens mit Frauen zusammen, die zwanzig Jahre jünger waren als ich. Es währte zwar immer nur vier Jahre, aber diese vier Jahre waren jeweils der Himmel auf Erden. Liebe heiß und pur, vorbehaltlos akzeptiert von ihren und von meinen Eltern, von Freunden sowieso, allerdings wären wir auch ohne deren Segen rundum glücklich gewesen. Die Liebe kennt keine Grenzen und keine Regeln. Nun ja, der Norweger Tomas Espedal hat da offenbar andere Erfahrungen gemacht. Nachzulesen in seinem autobiographischen Liebesroman „Wider die Natur“.

Da der Buchumschlag der reine Horror für Auge und Seele ist, habe ich meinen Text hier mit zwei Fotos aus Chabrols „Die zweigeteilte Frau“ bebildert. Lassen Sie sich also von dem scheußlichen Buchumschlag nicht abschrecken und lesen Sie dieses Buch, es lohnt sich!

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Tomas Espedal

Ein Mann wird älter. Er verliebt sich in eine junge Frau. Sie beginnen eine Affäre. Die junge Frau verlässt den älteren Mann. Eine alte Geschichte, doch für Tomas Espedal bedeutet sie einen Riss in seinem Leben, der einen intensiven Erinnerungsprozess in Gang setzt: Seine Jugend, die erste Liebe, die Zeit mit seiner verstorbenen Frau, große Momente, schwere Stunden und Erfahrungen des Alltags ziehen an ihm vorbei. Die tragische Auflösung des Ich-Erzählers wird von der Auflösung der literarischen Form begleitet, die in einem Notizbuch mündet, das mit den unversöhnlichen Worten schließt: »Du sagst Ende, aber die Liebe wird nicht enden.« Ein erschütternd kompromissloses Buch. Ein Heilmittel gegen den Schmerz der Liebe. – Verlagsinfo

Der Norweger Tomas Espedal hat einen Liebesroman geschrieben, wie es noch keinen gegeben hat. Alle, die neuerdings wieder nach einem neuen, unverbrauchten Realismus dürsten wie nach klarem Wasser in der Wüste, werden dieses Buch lieben. – ZEIT

Ein kleines Buch über das Glück müsste es werden, stattdessen wird es ein grosses Buch über den Schmerz des Verlassenseins. «Es gibt keine Tiefe im Glück, oder etwa doch?» Als Janne weg ist, beginnt der freie Fall – es sind die Erinnerung, die Reflexion und das Schreiben, die den allein im Reihenhaus am Meer zurückbleibenden Mann vor dem Zerschellen bewahren. Zuletzt versiegt der Fluss des Erzählens, es bleibt das stockende Protokoll der Verzweiflung. Am anschwellenden Weissraum, am enger kreisenden Gedanken ermisst sich, wie die Psyche des waidwunden Helden sich zu zersetzen beginnt. Sehnsuchtskrank hält er sich erst am Duft in der Wäsche der Geliebten, dann an der Flasche und am Stift fest: «Die grosse Liebe, und das mit achtundvierzig, das ist lebensgefährlich.» Das ist ein aufrichtiges Buch, Leser, schonungslos in seiner Klarheit und unwiderstehlich in seiner Verletzlichkeit. – NZZ

Soweit die anderen, hören Sie jetzt Tomas Espedal selbst.

In dieser Begegnung gab es keinen Altersunterschied. Der Altersunterschied kam später, als sie sich zurückzogen, in das Zimmer mit den Büchern und Spiegeln. Sie sitzt auf seinem Schoß; er umarmt sie, als wäre sie seine Mutter. Sie können sich im Spiegel sehen. Mir fällt bei dem Anblick ein Bild von Velasquez ein: Die junge Frau wirkt noch schöner, wenn man sie neben einem Krüppel sieht.

Er sitzt auf dem Schreibtischstuhl, im schwarzen Anzug und weißen Hemd, den schwarzen Schlips hat er gelockert; sie setzt sich ihm auf den Schoß, als wären sie beide schon vertraut mit dem Bild, das sie im Spiegel erwartet: Der Tod und das Mädchen.

So, so glücklich. Jahr um Jahr, drei, vier, fünf, sechs Jahre lang, das Glück nahm kein Ende, es wuchs Jahr um Jahr; ich hatte nie gedacht, dass das möglich ist. Ich war in meinem ganzen Leben nie so glücklich. Erst als sie nicht mehr auf dem Sofa lag, als sie ausgezogen und unsere Beziehung beendet war, erst als sie fort war und das Sofa groß und leer in der Wohnzimmerecke stand, begriff ich, wie glücklich ich gewesen war. Ich weiß jetzt, dass das Glück schwer zu beschreiben ist; es führt sein eigenes stilles, unsichtbares Leben mitten im Alltag der Liebenden. Sie lag auf dem Sofa und ruhte. Ich stand in der Küche und machte Essen, rief zu ihr hinüber, das Abendessen sei fertig. Begriff ich, was für ein Glück darin bestand, dass sie auf dem Sofa lag und las? Dass wir zusammen abendessen würden? Ich dachte nicht darüber nach; ich war glücklich.

Oft bleibe ich so lange im Bett liegen, wie ich nur kann. Widerwillig stehe ich auf und mache Frühstück, es ist dann zwölf oder ein Uhr, dann gehe ich wieder ins Bett: Hängt im Bettzeug nicht immer noch ein wenig von ihrem Duft? Manchmal springe ich mit einem Satz aus dem Bett, setze mich in den Kleiderschrank und schlinge die Arme um einen der Röcke, die sie vergessen hat. Oh, bist du jämmerlich, sage ich. Wer verlassen wird, ist jämmerlich, nichts sonst, nichts mehr, einfach nur jämmerlich, warum das leugnen; ich sitze weinend auf dem Boden des Kleiderschranks.

Ich schlafe mit dem Mobiltelefon auf der Brust. Näher kann ich ihr nicht kommen.

Jacques Roubaud schreibt, die Armbanduhr seiner Frau tickte noch lange weiter, nachdem sie gestorben war. Genauso ist es, wenn die Liebesbeziehung vorbei ist; das Glück ist weg, aber es tut noch lange weh.

Tomas Espedal

Und wenn Sie beim Schmökern gerne gute Musik hören, Bluesdiary hat den Soundtrack dazu.

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