Peter Richter räsoniert Über das Trinken

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Peter Richter räsoniert Über das Trinken

Paßt zur Fastnacht wie die Faust aufs Auge: Saufen. Karneval ist ein Fest, bei dem sich erwachsene Menschen verunstalten und dann aus Scham darüber betrinken. Dadurch wird es irgendwann lustig, meint Peter Richter in seinem Buch „Über das Trinken“. Was noch drinsteht:

„Gebt starkes Getränk denen, die am Umkommen sind, und Wein den betrübten Seelen, daß sie trinken und ihres Elends vergessen und ihres Unglücks nicht mehr gedenken“, heißt es in den Sprüchen Salomons. Cäsar ließ seine Soldaten täglich einen Liter Wein trinken, gegen ansteckende Krankheiten. Sogar der persische Arzt Avicenna empfahl noch um die Jahrtausendwende täglichen Weingenuß und ein bis zwei Vollräusche im Monat.

An dieser Stelle kurz ein Wort zu den sogenannten medizinischen Studien über Alkohol: Es steht praktisch jede Woche eine neue in der Zeitung. Mal ist ein mäßiges Trinken gut für die Haut, das Abnehmen, ein längeres Leben. Mal ist es andersherum. Meiner Beobachtung nach betonen britische und französische Studien eher die gesundheitsfördernden Aspekte, während nach amerikanischen und skandinavischen Untersuchungen meistens schon geringe Mengen ungeahnt schädlich seien. Ausschlaggebend ist vermutlich das jeweilige Interesse der Forscher: Sind es Abstinenzler oder Leute, die ihren eigenen Alkoholkonsum verteidigen wollen? Die Wissenschaftler haben den Alkohol immer nur verschieden interpretiert; es kommt aber darauf an, daß alles das gleichzeitig in ihm steckt.

Daß der Alkoholismus nicht einfach nur eine schlechte Angewohnheit ist, der mit gutem Willen und Gottesfurcht schon beizukommen wäre, sondern eine Suchtkrankheit, die ihre Opfer auch mit körperlichen Qualen in ihren Fesseln hält: Das hat zuerst der schottische Arzt Thomas Trotter beschrieben – und das ist gerade einmal zweihundert Jahre her.

Wer trinkt, hat in unserer Gesellschaft ein Problem. Wer nicht trinkt, aber auch. Wer trinkt, gilt als sozialer Störfall. Wer nicht trinkt, erst recht. Wer nichts trinkt, macht sich verdächtig. Eine Frau, die nichts trinkt? Bestimmt „in anderen Umständen“. Ein Mann, der nichts nimmt? Sicher religiöse Gründe. Oder noch schlimmer. (Trockener Alkoholiker!) Es ist in unserer Gesellschaft praktisch nicht vorgesehen, einen Drink abzulehnen. Außer man sagt: „Ich bin ein schwangerer Moslem auf Entzug.“ Aber wer sagt so etwas schon?

Eine Gesellschaft von lauter lauten Berauschten kann anstrengend sein. Aber eine Gesellschaft, in der alle immer beherrscht hinter verschränkten Armen auf die Späße der anderen warten, um sie dann abfällig kommentieren zu können, eine Gesellschaft von Leuten, die sich in die Hose machen vor Furcht, sie könnten sich auch einmal gehen lassen, eine Gesellschaft von verstockten Angsthasen, Eckenstehern, Zuguckern und Tutmirleidichmußnochfahrensmännern – also eine Gesellschaft nur mit Nüchternen und zur Nüchternheit entschlossenen: Das wäre die Hölle auf Erden.

 Soweit Peter Richter. Und was sagt die Presse dazu? Das.

Der Bücherhit der Saison? Werke übers Picheln! Der Feuilletonist Peter Richter erweitert die lange Reihe der Trink-Titel. Er hat ein Plädoyer für den Genuss geschrieben, mal philosophisch klug, mal angeschickert albern. Mit Sätzen, an denen man sich berauschen kann. – Spiegel

Trinken solle zum Rausch führen, lautet so eine These, die Richter erfahrungsgesättigt und geistreich ausführt. Andererseits ist er sich vollauf im Klaren darüber, dass das Trinken eine ziemlich heikle Tätigkeit ist, die nicht jeder, um nicht zu sagen, die wenigsten, ganz gut beherrschen. So gibt Richter den willigen Trinkern dankenswerterweise ein paar nützliche Eckdaten an die Hand, die ein kontrolliertes Trinken erlauben – unglaublich gute Ratschläge, die allen Nicht-Alkoholikern das Leben erleichtern: Nicht täglich zu trinken, lautet so ein Ratschlag. „Bei einer Sache bleiben!“ ein anderer und ganz wichtig beim nächsten Besuch beim Griechen an der Ecke: „Niemals Schnäpse aufschwatzen lassen!“

Das alles macht er ebenso kunstsinnig wie weltläufig und begibt sich auch schon mal unters Volk, in den Kölner Karneval oder aufs Oktoberfest in München. Gut gelaunt fügt er zum Schluss noch eine Gläserkunde an, gibt Bier als das Gegenteil von Sekt aus und schaut Ost und West auf ihre Herrengedecke. Kurz: Das ideale Geschenkbuch für liebe Freunde, die zu gerne einen heben oder mit Wilhelm Busch gesprochen: „Wer Sorgen hat, hat auch Likör“. – Deutschlandfunk

Aber um gleich allen Missverständnissen vorzubeugen, Richter hat keine Apologetik des Saufens geschrieben, sondern – als bekennender Bierliebhaber -, eine wortgewaltige Liebeserklärung an das gekonnte Trinken. Eine Starkbierlyrik über ein gefährdetes Kulturgut in der Vollkaskogesellschaft. Ein Balanceakt, der den gelegentlichen Exzess eher mit dem Göttlichen als dem Teuflischen in Verbindung bringt. Um es mit den gefürchteten, beinahe alttestamentarisch-apodiktischen Worten eines MPU-Prüfers zu sagen: „Abstinenz ist kein kontrolliertes Trinkverhalten!”

Das Buch – wie auch die Lesung – ist ein Parforceritt durch alles Skurrile und Abseitige, das sich mit dem Trinken und vor allem auch dem Nichttrinken in Verbindung bringen lässt. Voller Anekdoten aus der alten und neueren Geschichte ohne den moralischen Zeige- nein: mit dem Mittelfinger der ironischen Distanz. Mit frischen, temporeichen Sprachbildern und funkelndem Furor. Eine Mischung aus Sittengeschichte, Zeitdiagnostik und Pamphlet. –  Mixology

Richter schreibt fabelhaft schwungvoll und gut gelaunt. Er hat nicht die geringste Lust, sich den Spaß am Durst durch Gesundheitsdiktatoren, Trauerklöße oder Führerscheinentzug verderben zu lassen. Richtig so. – Focus

Peter Richter

Und wenn Sie beim Saufen gerne gute Musik hören, Bluesdiary hat den Soundtrack dazu.

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Mary Gauthier – I Drink

Best Blues @ Bluesdiary

When you’re in trouble, the Blues is the man’s best friend.
Otis Spann

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The Blues is the roots and the rest are the fruits.
Willie Dixon

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