Der jüdische Patient – Depressions-Tagebuch von Oliver Polak

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Oliver Polak ist der Meister
der geschmackvollsten geschmacklosen Witze.
– ZEIT

Was am Ende einer Depression stehen kann? Im „günstigsten“ Fall Suizid, wie uns das erst kürzlich der „lustige“ Robin Williams gezeigt hat, im schlimmsten Fall Massenmord, wie uns das der German Wings Pilot Andreas Lubitz gerade sehr schmerzhaft vor Augen geführt hat. Man tut also gut daran, Depressionen sehr ernst zu nehmen, die weltweit auf dem Vormarsch sind, wie wir spätestens seit der Arte-Dokumentation Depression – Eine Krankheit erobert die Welt wissen. Wie sich eine Depression aber jenseits der großen Statistik diesseits im kleinen Einzelnen anfühlt, das erfahren wir aus den Erfahrungsberichten von Betroffenen, z.B. im Stern: Wie eine Familie kämpft, damit Mama ihre Depressionen los wird. Betroffen von einer solchen Depression war auch der Comedian Oliver Polak, der darüber jetzt ein Buch geschrieben hat: Der jüdische Patient.

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Oliver Polak, geboren am 14. Mai 1976 in Papenburg, ist ein deutscher Komiker und Autor.

 

Oliver Polak ist ein Krankes Schwein @ Nightwash live

Oliver Polak ist der Meister der geschmackvollsten geschmacklosen Witze. – ZEIT

Oliver Polak provoziert, er bricht Tabus. Gerne macht er Witze über den Umgang mit dem Holocaust oder auch seine Einsamkeit. Er selbst habe dabei aber nicht das Gefühl, „provokant“ zu sein. Tatsache ist, dass Polak über Dinge spricht und schreibt, über die andere lieber schweigen. – NDR

Kein Wunder, dass Oliver, dessen Vater von einem KZ zum nächsten verschleppt wurde und überlebte (das hingegen ist ein wirklich ein Wunder), dass Oliver gehasst wird. Und zwar gründlich. Am Ende der Show liest Oliver eine Art Leser-Brief vor: „Für Sie, Herr Polak, sollte man die Maschinerie des Holocaust noch einmal in Gang setzen.“ Er schaut ins Publikum. „Wow“ sagt er und lächelt. „Diese ganze große Maschine anwerfen? – Nur für mich?“ – Krautreporter

Man muss den Hut vor dem Comedian Polak ziehen, dass er als Bühnenmensch gewagt hat, seine Depression zuzugeben. Normalerweise wird so etwas im Show-Geschäft verschwiegen und vertuscht. Dass Polak auch noch ein Buch darüber geschrieben hat, diente wohl nicht zuletzt der Therapie. – FAZ

Wenn Kiepenheuer & Witsch das Buch als „schockierend mutig und gnadenlos ehrlich“ annonciert, ist das nicht übertrieben. Polak nimmt die Leserinnen mit in die Psychiatrie, wo er acht Wochen lang mit seiner schweren Depression kämpft. – taz

Soweit die anderen. Hören wir jetzt Oliver Polak selbst ein wenig zu, was er über sich und sein Erleben bzw. Erleiden der Welt zu sagen hat.

Meine Wohnung verließ ich gar nicht mehr. Einmal startete ich allerdings den Versuch, das Haus zu verlassen: Ich nahm mir vor, zum Bäcker zu gehen. Doch kaum hatte ich das Haus verlassen, überkam mich plötzlich ein Druck, aus dem Nichts. Er erfasste und bedrohte mich, ich konnte ihm nicht entkommen. Ein Magnet, der mich förmlich zurück nach Hause zog, so als müsste ich ganz massiv dringend kacken, diese Notwendigkeit, dieses Bedürfnis, diese Unruhe, diese Panik.

Ich eilte wieder nach Hause, die Treppen hoch, nahm zwei, drei Stufen auf einmal. In der Wohnung angekommen, warf ich alle Klamotten von mir, lief in Unterhosen ins Bad, um die Hände zu waschen. Ich legte mich zurück ins Bett, in die Leere, zur weißen Zimmerdecke, zu den Stofftieren, und onanierte.

In diesen Wochen onanierte ich viel. Es ist natürlich das Jämmerlichste, in diesem Zustand noch zu wichsen, doch es war in dem Moment eine Illusion, die ich mir selbst unterjubelte, ein cremiger, dickflüssiger Tropfen Hoffnung. Langeweile und Traurigkeit machten sich so breit, dass ich dachte: Vielleicht bin ich ja doch ein wenig horny.

Ich öffnete parallel Youporn, Xhamster, Beeg.com, Tubekitty und Facebook – einzige Regel: Die Frau, die ich mir zum Wichsen aussuchte, durfte meiner Mutter nicht ähneln. Ich hätte mich nur noch kränker gefühlt, wenn ich auf meine Mutter onaniert hätte.

Ich machte mich also künstlich horniger, als ich es gerade war. Im halbsteifen Zustand onanierte ich. Spritzte ab und fühlte mich nur noch leerer. Eine Endleere. Onanieren war der letzte Halm, an den ich mich klammerte, wenn ich leer war und nicht wusste, was ich sonst Sinnvolles machen sollte.

Das war dann mein persönlicher Tiefpunkt des Tages: 9.35 Uhr, nichts erledigt, kaum gegessen, wieder im Bett und zwei Mal onaniert.

Menschen sind eklig, hässlich und gefräßig, wollen immer mehr, sind nie satt zu kriegen, sie schätzen die kleinen Dinge nicht, rennen einer Illusion hinterher und verpassen so ihr Leben. Oscar Wilde sagte mal, zumindest habe ich gehört, dass er das mal gesagt hat: Wenn Gott die Menschen bestrafen will, gibt er ihnen das, was sie sich am sehnlichsten wünschen. Ach, scheiß auf Oscar Wilde, fuck Sprichwörter!

Da ist dieses große Loch in mir, als ob ein brennender Tiger durch mich hindurchgesprungen wäre, nur steht kein Wassereimer in der Nähe, mit dem ich den Brand löschen könnte! Dieses Loch, haben das alle Menschen? In ihm liegt der Schmerz, die Vergangenheit, die Angst, die Schuld, das Loch als Fluchtort vor der realen Liebe von außen, die man nicht ertragen kann, ein Fluchtort vor sich selbst.

Wir stopfen dieses Loch mit Drogen, mit Alkohol, mit Sex, fuck the pain away, mit Facebook – oh ja, immer wieder Facebook! – und Twitter, aber auch gerne mit Liebeskummer oder Angst. Nur um sie nicht sehen, nicht ertragen zu müssen, diese Leere. Aber vielleicht müssen wir dieses Loch akzeptieren, so wie das Känguru mit seinem Beutel lebt und ausschließlich seine Kids rein lässt, wie der Wal mit seinem Loch im Kopf, der drauf achtet, dass nichts Falsches hineinströmt.

Der ganze Selbsthass holt mich ein. Ich hasse mich für die letzten Jahre, in denen ich es nicht geschafft habe, mich aus den Fesseln, die ich mir selbst angelegt habe, zu befreien. zu befreien. Depression ist meine Aggression gegen mich selbst. Was ist der Sinn des Lebens? 42?

Facebook ist das Einzige, das geht. Bevor ich in die Klapse gekommen bin, habe ich in Facebook gewohnt. Es hat meine Psyche in den letzten Jahren verändert. Meine Aufmerksamkeitsspanne verkürzt. Meine Sehnsucht getriggert. Meine Unruhe beruhigt und trotzdem gefüttert. Ich Opfer.

Früher ging man einmal am Tag zum Postkasten, heute klickt man im Minutentakt und wartet auf das Aufblitzen des roten Zeichens. Unruhig. Sick. Bei Momo sind es die grauen Männer mit den Zigarren, die die Zeit stehlen – heute sind wir die grauen Männer, unsere iPhones die Zigarren.

Ich habe meine Umwelt in den Monaten vor der Klapse nicht mehr wahrgenommen. Starrte ins Phone, tauchte darin ab. Bei Gesprächen war ich anwesend, mein mind war bei Facebook. Suchend, nach irgendetwas – Wärme, Illusionen.

Mit wie vielen Fremden, die mich geadded haben, habe ich gechattet! »Kennen wir uns?« Manchmal kam eine Mail zurück und es entwickelte sich ein »Gespräch«. Es wurde gefickt. Gefickt ist das richtige Wort. Gehirnfick. Eigentlich sollte ich Mark Zuckerberg eine Dankeschön-Karte schicken. Facebook: Fuckbook! Facebook hat mich gefickt, meinen Kopf, meine Seele! Fremde in meinem Mail-Account. Dadaismus-Chats. Kurz. Persönlich unpersönlich! Und immer wieder eingeloggt scrollen. Scrollen. Bilder, Fetzen fliegen an mir vorbei. Nachrichten im Postfach. Warum denke ich überhaupt über eine Person nach, die ich nicht kenne? Verplemperte Zeit. Verplempertes Leben. Vielleicht wäre es das Beste, wenn er sich wieder auf seine Kernkompetenz konzentrieren würde: Selfies posten. Fuck it.

Oliver Polak – Krankes Schwein – Tour Trailer

Oliver Polak

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