Treibsand: Was es heißt, ein Mensch zu sein erzählt uns Henning Mankell

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Der Tod kommt immer als ungebetener Gast und stört. ‚Zeit zu gehen.‘ Keiner will sterben, weder jung noch alt. Sterben ist immer schwer. Außerdem einsam. – Henning Mankell

Roger Willemsen ist tot, Oliver Sacks ist tot, Henning Mankell auch. Alle hat der Krebs gefressen. Nur Sie und ich, wir leben noch. Wie lange? Und was machen wir bis dahin mit dem Geschenk des Lebens?

Das Raubtier sieht dich, aber du siehst das Raubtier nicht. Der Tod betrachtet dich immer als rechtmäßige Beute. – Henning Mankell

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Mut und Angst sind ständig ineinander verwoben.
Es bedarf des Muts zu leben und des Muts zu sterben.
Henning Mankell

Der Autor

Henning Mankell – geboren am 3. Februar 1948 in Stockholm, gestorben am 5. Oktober 2015 in Göteborg – war ein schwedischer Schriftsteller und Theaterregisseur. Bekanntheit erlangte er im deutschsprachigen Raum vor allem durch seine Krimi-Reihe mit Kommissar Kurt Wallander. Wallanders Stoßseufzer: „Was ist das für eine Welt, in der wir leben?“

Das Buch

„Treibsand“ – Henning Mankells persönlichstes Buch. Das Buch, das Mut macht zum Leben: Im Angesicht seiner Krebserkrankung schlägt Henning Mankell den Bogen von seinen ganz persönlichen Erfahrungen und Erinnerungen zu Themen wie Zeit und Tod, Politik und Verantwortung, Hoffnung und Angst. – Verlagsinfo

Der Inhalt

Ich respektiere Menschen, die an ein Leben nach dem Tod glauben. Aber ich verstehe sie nicht. Mir kommt die Religion wie eine Entschuldigung dafür vor, dass man die Grundbedingung des Lebens nicht akzeptiert. Hier und jetzt, mehr ist es nicht. Darin liegt auch das Einzigartige unseres Lebens, das Wunderbare.

Die Angst ist natürlich und bedingt durch die einfache Wahrheit, dass wir um unsere Sterblichkeit wissen, was uns von anderen Arten unterscheidet. Die Katzen, die ich in meinem Leben gehabt habe, wussten nichts von ihrem Tod. Sie wussten nicht einmal, dass sie lebten. Sie waren einfach da, Tag um Tag, jagend, faulenzend, miauend. Unser menschliches Ich ist nichts anderes als das Wissen um unsere Sterblichkeit. Wer sich seine Angst vor dem Unbekannten eingesteht, begreift, was es bedeutet, ein Mensch zu sein. Im Grunde ist unser Dasein eine Tragödie. Ein Leben lang trachten wir danach, unsere Kenntnisse, unser Wissen und unsere Erfahrungen zu vermehren. Doch letzten Endes wird sich alles in Nichts auflösen.

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Lucky Peterson – Death Don’t Have No Mercy

Der Tod kommt immer als ungebetener Gast und stört. ‚Zeit zu gehen.‘ Keiner will sterben, weder jung noch alt. Sterben ist immer schwer. Außerdem einsam.

Das Raubtier sieht dich, aber du siehst das Raubtier nicht. Der Tod betrachtet dich immer als rechtmäßige Beute.

Ich selbst sah einmal, als ich Kind war und in einer kalten Winternacht keinen Schlaf fand, einen einsamen Hund durch den Lichtkegel einer schwankenden Straßenlaterne laufen und danach wieder in die Dunkelheit verschwinden. Manchmal denke ich, dass alle meine Fragen über Leben und Tod, über Vergangenheit und Zukunft, mit diesem einsamen Hund zu tun haben, der auf leisen Pfoten von Dunkelheit zu Dunkelheit lief. Wir kommen aus dem Dunkel, wir gehen in das Dunkel. Das ist das Leben.

Nie habe ich begriffen, warum man mit den Toten keinen Umgang mehr haben oder mit ihnen nicht mehr befreundet sein kann, nur weil sie als lebende Wesen nicht mehr existieren. Solange ich mich an sie erinnere, leben sie.

Das Leben handelt im Grunde von zwei Dingen: Vom Überleben und davon, herauszufinden, was nicht stimmt.

Ich wundere mich oft über Menschen, die sich widerstandslos mit dem Strom treiben lassen, ihr Dasein nie in Frage stellen oder nie einen notwendigen Aufbruch wagen. Gut, die Menschen lassen sich scheiden. Das ist natürlich eine Form von Aufbruch. Aber jene Entscheidungen, die tiefer reichen, die sich darum drehen, was du mit deinem Leben anfangen willst, sind die wichtigsten, vor die man gestellt wird, und die man treffen muss. Die Möglichkeit, sich entscheiden zu können, was man aus seinem Leben machen will, ist ein großes Privileg.

Für die allermeisten Menschen auf der Erde geht es nur darum zu überleben, und das auf einem dramatisch niedrigen Niveau.  Menschen am äußersten Rand der Gesellschaft haben keine Wahl. Sich auf die Straße zu legen und zu sterben ist keine Wahl. Zu verhungern ist auch keine Alternative. Wir verfügen heute über alle Mittel, die nötig wären, um die absolute Armut auszurotten und alle lebenden Menschen so zu versorgen, dass sie nicht hungern müssen. Aber wir haben die Wahl getroffen, dies nicht zu tun. Diese Wahl kann ich nur als ein Verbrechen betrachten. Aber es gibt keinen Gerichtshof, der auf globaler Ebene die Verbrecher anklagt, die die Verantwortung dafür tragen, dass Hunger und Armut nicht mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln bekämpft werden. Und der uns alle zwingt, uns einzumischen und Verantwortung zu übernehmen.

Zivilisationen haben immer Abfall zurückgelassen. Wenn eine Kultur oder ein Imperium untergeht, pflegt man nicht hinter sich aufzuräumen. Doch weder das Ägypten der Pharaonen noch das Römische Kaiserreich haben gefährlichen oder tödlichen Müll zurückgelassen. Aber wir tun es.

Die größte Müllhalde der Welt befindet sich heute nicht an Land. Sie liegt im Stillen Ozean. Zwischen Hawaii und der kalifornischen Küste schwimmen Millionen Tonnen Müll im Meer. Seeleute berichten von Hunderten von Kilometern ununterbrochener Müllteppiche, die sie durchqueren müssen. Neunzig Prozent dieses Mülls bestehen aus Plastik mit endlos langen Verfallzeiten. Das meiste davon sind kleine Partikel, zuweilen für das Auge kaum sichtbar, die viele Fische in sich aufnehmen. Welche Konsequenzen dies schon jetzt hat und in Zukunft haben wird, können wir uns leicht vorstellen.

Im Leben umgeben dich unzählige Menschen. Viele nimmst du einen Moment lang wahr, vergisst sie aber sofort wieder. Mit anderen hast du einen kurzen Augenkontakt. Und mit einem Teil dieser Menschen führst du Gespräche. Außerdem hast du deine Familie, deine Freunde und Bekannten, die dir nahestehen. Manche scheiden aus diesem Kreis aus, Zuneigung erkaltet, Verrat lässt Beziehungen enden, Freunde werden manchmal zu Feinden. Aber die allermeisten sind einfach Menschen, die zufällig gleichzeitig mit dir leben. Millionen Menschen, die einen kurzen Besuch auf der Erde machen, der sich mit deinem überlappt. Wer waren sie eigentlich? Ich hätte so viele von ihnen kennenlernen wollen.

Zu schreiben, nahm ich mir vor, musste heißen, mit meiner Taschenlampe die dunklen Ecken auszuleuchten und nach bestem Vermögen das offenzulegen, was andere zu verbergen versuchten. Es gibt immer zwei Typen von Erzählern, die ständig miteinander ringen. Der eine schaufelt zu und verbirgt, während der andere aufgräbt, um zu enthüllen.

Ich hatte mich nie entschieden, Kriminalromane zu schreiben. Heute durchdringt das Verbrechen alle Schichten der Gesellschaft, auf der ganzen Welt. Ich dachte, dass ich einen Polizisten bräuchte, um unsere Gegenwart kenntlich zu machen.

Die Presse

Henning Mankell ist, so sieht es aus, das, was alle gerne wären: ein anständiger Mensch. – ZEIT

Was bleibt von einem Leben, wenn es endet? Hinterlassen wir einen Fußabdruck auf der Erde – und wie lange wird er sichtbar sein? Diese Fragen werden womöglich umso drängender, je näher der Tod zu rücken scheint. Der schwedische Schriftsteller Henning Mankell schrieb gerade an einem neuen Buch, in dem er nicht weniger als den Zustand der Welt verhandelte, als er mit harmlos scheinenden Nackenschmerzen zum Arzt ging – und mit einer gravierenden Krebsdiagnose nach Hause zurückkehrte. Nun, anderthalb Jahre später, erscheint das Buch: „Treibsand“ ist ein Vermächtnis, ein Fundus an Lebensweisheiten und Gedankenschnipseln, eine Reise in das Mankell-Universum. – WAZ

Er las ein Buch pro Tag. Er erkundete, was die Welt an Wissen zu bieten hat, er schlug sich durch die Forschungen von Anthropologen, Kunsthistorikern, Paläontologen. So verankerte Mankell sich in dieser Welt. Seine größte Sorge sei es, am Ende im Dunkel der Demenz zu versinken, hatte er vor einigen Jahren gesagt, als er sich mit dem Buch ‚Der Feind im Schatten‘ (2010) von Wallander verabschiedete, der angesichts erster Vergessensschübe in Horror erstarrt. Das also ist ihm erspart geblieben. Mankell wird, wie er damals in Antibes sagte, jetzt sehr lange tot sein, und es ist wenig tröstlich, dass wir alle, irgendwann, gemeinsam mit ihm auch Millionen von Jahren lang tot sein werden. – ZEIT

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Steve Power – Death Come Creepin‘

Henning Mankell

Ich bin 67 und gesund, was nichts daran ändert, daß auch ich sterben werde. Da ich allen wichtigen Lebensthemen grundsätzlich nicht aus dem Weg, sondern sie frontal angehe, habe ich während der letzen Jahre auch viele Bücher über das Altern & Sterben gelesen, z.B. Dieser Mensch war ich – Nachrufe auf das eigene Leben. Über das Altern & Sterben wie gesagt, nicht über den Tod, denn über den Tod gibt es nichts zu sagen, schließlich ist von dort noch keiner zuückgekommen, um uns davon zu berichten.

Sei deiner Mutter dankbar, daß sie dir zu dem Abenteuer: Leben verholfen hat. Es ist ein Abenteuer mit unausweislich letalem Ausgang. Aber einmal zumindest, glaube ich, sollte es doch jeder mitmachen – obschon ich dir nicht recht sagen könnte, warum. – Alfred Polgar

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Ich habe immer das Leben gleich angesehen: als tragisch, aber mit der Aufgabe, es zu leben. Ein Satz, den ich vor mehreren Jahren schrieb, spricht es aus: „Das Leben ist ein tödliches Gesetz und ein unbekanntes. Der Mann, heute wie einst, vermag nicht mehr, als das Seine ohne Tränen hinzunehmen!“ Dieses an der Antike gebildete Gefühl stand über jeder meiner Stunden. – Gottfried Benn

Und wenn Sie beim Schmökern & Sterben lernen gerne gute Musik hören, Bluesdiary hat den Soundtrack dazu.

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Cassandra Wilson – Death Letter

Best Blues @ Bluesdiary

When you’re in trouble, the Blues is the man’s best friend.
Otis Spann

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The Blues is the roots and the rest are the fruits.
Willie Dixon

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