Meine 500 besten Freunde – Erzählungen von Johanna Adorján

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Diese Zufriedenheit, wie ich sie verabscheue, diese Behaglichkeit, dieser gepflegte Optimismus des Bürgers, diese ganze fette gedeihliche Zucht des Mittelmäßigen, Normalen, Durchschnittlichen. – Hermann Hesse

Meine 500 besten Freunde also. Wer jetzt an Facebook-Smombies denkt, liegt daneben. Was die Erzählungen eint: die unendliche Leere, Heuchelei & Verlogenheit der Bourgeoisie. Unerträglich verkommene Menschen, mit denen ich nicht an einem Tisch sitzen möchte, völlig degenierte Frauen, mit denen ich nicht in einem Bett liegen möchte. Wenn man sich vorstellt, daß dieses Personal auch noch (Ehe-) Paare bildet – die Hölle auf Erden! Das CD-Cover ist leider eine mittlere Design-Katastrophe, aber was in dieser miesen Verpackung steckt, ist absolut hörens- & bedenkenswert.

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Johanna Adorján

Johanna Adorján, geboren 1971 in Stockholm, ist eine dänisch-deutsche Journalistin und Schriftstellerin. Regiestudium an der Theaterakademie München. Seit 1994 journalistisch tätig; seit 2001 im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin. Ihr 2009 erschienenes Buch „Eine exklusive Liebe“ wurde in 18 Sprachen übersetzt. Im Frühjahr 2013 erschien der Erzählband „Meine 500 besten Freunde“ (beide Bücher Verlag Luchterhand). Johanna Adorján lebt und arbeitet in Berlin.

Das Buch

Die Protagonisten der Stories in »Meine 500 besten Freunde« sind ständig damit beschäftigt, etwas darzustellen, bestenfalls sich selbst. Es ist das Personal, das im Berlin von heute allabendlich die Tische in den teureren Restaurants bevölkert, wo dann manchmal, wenn alles passt, so ein Flirren in der Luft liegt. Kurz. Sie sind eitel, verzweifelt, an sich selbst berauscht, angestrengt, rührend und lächerlich – und sie gäben viel darum, irgendwie bedeutender zu sein.

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Die Leser

Johanna Adorján erzählt 13 abgründige Geschichten über eitle, unglückliche und peinliche Menschen aus der Hauptstadt. Ihre Geschichten sind unterhaltsam, bisweilen überzogen und ironisch, manchmal bissig. – Spiegel

Adorján kann schreiben. Das stellt sie nach »Eine exklusive Liebe« erneut unter Beweis. Selbstdarsteller, wohin wir auch sehen. Schonungslos im Rausch an sich selbst sind hier nicht nur die Thirtysomethings des neuen Berlins getroffen. Ihre Tische bevölkern längst Hamburg, wie München, wie Frankfurt. Und wie bei jeder Mode haben sie sich inzwischen auch der Tische in der Provinz bemächtigt. – Belletristik-Couch

Ihre Figuren tragen altbackene Namen wie Theodor oder Luise und hecheln von Veranstaltung zu Veranstaltung, immer der Fata Morgana Bedeutsamkeit hinterher. Die Männer hegen eine Vorliebe für gediegene Jacketts und haben wenig Substanzielles zu sagen. Die Frauen in „Meine 500 besten Freunde“ sind Katzenfrauen mit vordergründigem Lächeln und immer angriffsbereiten Krallen. Sie werden über Sex und Weltekel charakterisiert. Wie Abziehbilder taumeln sie durch ihr Leben, diese Männer mit ihren identischen Intellektuellenbrillen, mit ihrer Vorliebe für Füllfederhalter und andere teure Phallussymbole. Und diese Frauen, deren Gedanken um ihr eigenes Gewicht und das der anderen kreisen. – ZEIT

In solchen Momenten bricht etwas auf, ist ein Abgrund zu sehen von Menschen, die ganz und gar nicht glücklich sind. Dann werden die Geschichten, die Johanna Adorjáns erzählt, zu Short Storys im eigentlichen Sinn, zu Ausschnitten aus dem alltäglichen Unglück. Adorján erzählt souverän, gleichsam im gedimmten Licht eines guten Restaurants.

„Wir saßen damals oft im Borchardt. Ein paar Jahrzehnte später waren wir tot …“ lautet eine sehr schöne Stelle, die zugleich illustriert, wie diese gediegen abgründigen Geschichten ganz ohne Rainald-Goetz-Furor und eher unabsichtlich aktuell und gesellschaftspolitisch daher kommen, eben weil der Leser nun mal nicht anders kann, als eine drängende Debatte in ihnen mitzulesen. – Freitag

Mit hohem Unterhaltungswert, glaubwürdig und schonungslos porträtiert Kulturjournalistin Johanna Adorján ihr eigenes Umfeld: die Kreativen in Berlin. Arroganz und Unsicherheit sind das Markenzeichen dieser „500 besten Freunde“ – darunter Filmregisseure, Galeristen oder Models. Viele von Adorjáns Figuren charakterisiert eine Mischung aus Blasiertheit, Berechnung und Unsicherheit, oft bewegen sie sich an der Grenze zur Lächerlichkeit.

Der vielleicht schönste Satz dieses Erzählbands von Johanna Adorján findet sich gleich auf der ersten Seite, zu Beginn der kürzesten Geschichte: „Wir saßen damals oft im Borchardt.“ Und dann, die Zukunft vorwegnehmend, die Bedeutung des Berlin-Mitte-Pop-Medien-und-Politik-Restaurants in das richtige Verhältnis setzend, vielleicht auch die Bedeutung dieser Geschichten, zumindest die der sie bestimmenden Figuren, der nächste Satz: „Ein paar Jahrzehnte später waren wir tot, aber wir saßen oft im Borchardt damals und hielten das alles für sehr wichtig.“ – DR Kultur

Johanna Adorján

Die verachtenswerte Leere der bürgerlichen Existenz

Von Zeit zu Zeit nehmen sich die Erwachsenen offenbar Zeit, sich hinzusetzen und die Katastrophe zu betrachten, die ihr Leben ist. Sie jammern dann, ohne zu verstehen, und wie Fliegen, die immer gegen die gleiche Scheibe stoßen, werden sie unruhig, sie leiden, verkümmern, sind deprimiert und fragen sich, welches Räderwerk sie dorthin geführt hat, wohin sie gar nicht wollten. Die intelligentesten machen sogar eine Religion daraus: ja, die verachtenswerte Leere der bürgerlichen Existenz! Es gibt Zyniker dieser Sorte, die an Papas Tisch speisen: „Unsere Jugendträume, wo sind sie geblieben?“, fragen sie mit ernüchterter und zufriedener Miene. „Sie sind verflogen, und das Leben ist ein Hundeleben.“ Ich hasse diese falsche Klarsicht der Reife. In Wahrheit sind sie wie die anderen, Kinder, die nicht verstehen, was mit ihnen passiert ist, und die den Abgebrühten herauskehren, obschon sie eigentlich Lust haben zu weinen. – Aus: Muriel Barbery – Die Eleganz des Igels

Und es gibt unzählige weitere Möglichkeiten, sein Leben dem Tod vor dem Tod zum Fraß vorzuwerfen…

Bitte besuchen Sie : Rudis Bibliothek : Herzlich Willkommen

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