Nicht das Herz, den Tod zu dulden, noch den Mut, das Leben zu ertragen

Nicht das Herz, den Tod zu dulden, noch den Mut, das Leben zu ertragen – ja was soll man mit dem wohl anfangen?

„Die Menschen werden nicht durch die Dinge selbst geplagt, sondern durch die Auffassung, die sie von den Dingen haben“ (Epiktet). Es wäre viel für die Erleichterung unserer menschlichen Armseligkeit gewonnen, wenn man diese Behauptung als durch und durch wahr erweisen könnte. Denn wenn die Übel nur durch unsere Auffassung auf uns wirken können, scheint es ganz in unserer Gewalt zu liegen, sie zu verachten oder als etwas Gutes aufzufassen. Wenn sich die Dinge derartig unserem Willen unterwerfen, warum lenken und wenden wir sie denn nicht zu unserem Vorteil? Wenn das, was wir Übel und Leid nennen, an sich weder Übel noch Leid ist, sondern nur unsere subjektive Auffassung ihm diese Eigenschaften beilegt, so steht es in unserer Macht, diese Eigenschaften zu ändern. Und wenn wir die freie Wahl haben und niemand uns zwingt, so sind wir sonderbare Käuze, uns für die wenigst erfreuliche Seite zu entscheiden und den Krankheiten, der Armut und der Verachtung einen bittern und schlechten Geschmack zu geben, wenn wir ihnen einen guten geben können. Wenn das Schicksal uns einfach den gleichgültigen Stoff liefert, ist es an uns, ihm die Form zu geben.

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Über die Erziehung des Menschen

Der Mensch ist das einzige Geschöpf, das erzogen werden muß. Der Mensch kann nur Mensch werden durch Erziehung. Er ist nichts, als was die Erziehung aus ihm macht.

Kinder sollen nicht dem gegenwärtigen, sondern dem zukünftig bessern Zustande des menschlichen Geschlechts, das ist: der Idee der Menschheit und deren ganzer Bestimmung angemessen, erzogen werden. Dieses Prinzip ist von großer Wichtigkeit. Eltern erziehen gemeiniglich ihre Kinder nur so, daß sie in die gegenwärtige Welt, sei sie auch verderbt, passen. Sie sollten sie aber besser erziehen, damit ein zukünftiger besserer Zustand dadurch hervorgebracht werde.

Immanuel Kant

Von der Freundschaft

Von der spricht nun einer: sie sei überall; der andere: sie sei nirgends – und es steht dahin, wer von beiden am ärgsten gelogen hat.

Wenn Du Paul den Peter rühmen hörst, so, wirst Du finden, rühmt Peter den Paul wieder, und das heißen sie denn Freunde. Und ist oft zwischen ihnen weiter nichts, als daß einer den andern kratze und sie sich so einander wechselweise zum Narren haben; denn wie Du siehst, ist hier, wie in vielen andern Fällen, ein jeder von ihnen nur sein eigner Freund und nicht des andern. Ich pflege solch Ding „Holunderfreundschaften“ zu nennen. Wenn Du einen Holunderzweig ansiehst, so sieht er fein stämmig und wohl gegründet aus; schneidest Du ihn aber ab, so ist er inwendig hohl und ist ein so trocken, schwammig Wesen darin.

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Der Mensch also muß gebessert werden

Ich sehe wohl ein, daß manches in der Welt anders sein könnte und sein sollte; und daß eine Besserung nicht unnötig wäre; nur kommt es mir so vor, daß die äußern Einrichtungen es allein wohl nicht gar täten. Es gibt Republiken, und doch sind dort Mißvergnügte. Also am Menschen liegt es. Dem ist nichts gut und nichts recht; der will immer etwas anders und etwas neues; will immer bauen und bessern; ist immer nicht reich, nicht mächtig, nicht geehrt genug; und der macht gute Einrichtungen schlecht und schlechte gut.

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Sinne täglich nach über Tod & Leben und habe einen freudigen Mut

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Matthias Claudius

Die Zeit kommt allgemach heran, daß ich den Weg gehen muß, den man nicht wiederkommt. Ich kann Dich nicht mitnehmen und lasse Dich in einer Welt zurück, in der guter Rat nicht überflüssig ist. Niemand ist weise vom Mutterleibe an; hier lehren Zeit und Erfahrung und fegen die Tenne. Ich habe die Welt länger gesehen als Du. Es ist nicht alles Gold, was glänzt, lieber Sohn, und ich habe manchen Stern vom Himmel fallen und manchen Stab, auf den man sich verließ, brechen sehen. Darum will ich Dir einigen Rat geben und Dir sagen, was ich gefunden habe und was mich die Zeit gelehrt hat.

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